Das beleuchtete Werksviertel Mitte Gebäude mit weißem Riesenrad vor dem Abendhimmel

Partykultur im Werksviertel

Work hard, party harder

Früher Partyviertel, heute Bürowüste? Keineswegs. Das Werksviertel-Mitte hat seinen ehemaligen Charakter nicht verloren: Die Nachtgastro und die Feiermöglichkeiten wurden auch architektonisch bewusst in das neue Areal integriert. Ein Rundgang mit Johannes Ernst, Architekt und Chefplaner des Werksviertel-Mitte, zeigt: Arbeiten und Feiern lassen sich in einem Viertel gut miteinander verbinden.

Welchen Stellenwert man im Werksviertel-Mitte der Nachtgastronomie einräumt, wird klar, als sich die Tür zu einem großen, staubigen Raum öffnet. Ein paar leere Bierkisten stehen herum, die Wände sind unverputzt, der Boden ist aus rauem Beton. Doch auf den ersten Blick ist offensichtlich: Das hier ist der begehrteste Fleck des gesamten Areals. Noch fehlt der Innenausbau. Aber schon jetzt ist der Blick durch die meterhohen Panoramascheiben umwerfend. Nirgendwo sonst auf dem Gelände kommt man so hoch hinaus wie im 24. Stockwerk des 86 Meter hohen Werk 4.

Schon jetzt ist der Blick durch die meterhohen Panoramascheiben umwerfend. Nirgendwo sonst auf dem Gelände kommt man so hoch hinaus wie im 24. Stockwerk des 86 Meter hohen Werk 4.

Der Pfanni-Erbe und Bauherr Werner Eckart hätte sich hier ein schmuckes Loft einrichten können. Man hätte den Raum für viel Geld an das 4-Sterne-Hotel vermieten können, das sich in den Stockwerken darunter befindet. Stattdessen wird hier eine Bar einziehen, die der ganzen Stadt offenstehen soll. In Anbetracht der Summen, die hier im Raum stehen – allein der Bau des Werk 4 hat 115 Millionen Euro verschlungen – fragt man sich sofort: Warum macht man das? Ein paar Stunden und ausführliche Erklärungen später fragt man sich: Warum macht man das nicht immer?

Der Mann, der Antworten auf beide Warums hat, steht mit Windjacke und Daunenweste auf dem Knödelplatz und freut sich. Über die vielen Hungrigen, die über eine provisorische Fußgängerbrücke in Richtung des Platzes pilgern, um im angrenzenden Werk 3 in einem der zahlreichen Imbisse und Restaurants mittagzuessen. „Vor ein paar Jahren gab es an dieser Stelle noch nicht mal einen Durchgang“, sagt Johannes Ernst, der geschäftsführender Gesellschafter bei Steidle Architekten und Chefplaner des Werksviertel-Mitte ist.

Ein Job, der ihn schon eine Weile beschäftigt und noch länger beschäftigen wird. Denn auf dem Gelände sollen innerhalb der nächsten Jahre mehr als 1000 Wohnungen gebaut werden, gut 12.600 Arbeitsplätze und 1000 Hotelbetten entstehen sowie zahlreiche Orte für Freizeit und Kultur erhalten und neu geschaffen werden. Und noch etwas soll hier einziehen. Oder besser: wiedereinziehen. Bars und Clubs.

Auf dem Gelände sollen innerhalb der nächsten Jahre mehr als 1000 Wohnungen gebaut werden, gut 12.600 Arbeitsplätze und 1000 Hotelbetten entstehen sowie zahlreiche Orte für Freizeit und Kultur geschaffen werden.

Früher hatten auf dem insgesamt rund 40 Hektar großen Areal am Ostbahnhof die Pfanni-Werke ihren Sitz, die hier jedes Jahr Millionen Zentner Kartoffeln zu Knödeln, Puffern und Pürees verarbeiteten. Die Firma wird 1993 verkauft, die Eigentümerfamilie Eckart behält jedoch das Fabrikgelände. Es entstehen Pläne für eine Neubebauung: Wohnungs- und Bürogebäude, fein säuberlich in Reihen angeordnet. Aber die Verhandlungen mit der Stadt und den Nachbarn sind schwierig, aus den Plänen wird nichts.

Stattdessen entscheiden sich die Eckarts, das Gelände für eine Zwischennutzung zu verpachten. Es entsteht der Kunstpark Ost, der später zur Kultfabrik erweitert wird und als größtes Ausgehviertel Europas das Nachtleben von München transformiert. In die leer stehenden Räume ziehen Ateliers, Galerien, Werkstätten, Bars und Spielhallen ein. Die gigantischen Silos, in denen früher das Kartoffelmehl lagerte, werden fortan als Kletterhalle genutzt und die riesigen Fabrikhallen zu Clubs, Theatern und Konzerthallen umgebaut. Wer zu dieser Zeit in München lebt und Party machen will, geht in die Kultfabrik. Zwei Jahrzehnte lang sind es jeden Monat Hunderttausende.

Es entsteht der Kunstpark Ost, der später zur Kultfabrik erweitert wird und als größtes Ausgehviertel Europas das Nachtleben von München transformiert.

Heute ist von der bunten Feiermeile nicht mehr viel zu sehen, zumindest nicht auf dem eierschalenfarbenen Miniaturmodell, vor dem Johannes Ernst jetzt steht, um die Zukunft des Areals zu erklären. 2017 wird der Bebauungsplan fertiggestellt, auf Wunsch der Stadt und der Eigentümer soll das einstige Partyviertel zum Werksviertel-Mitte, sprich: erwachsen werden. Die Ausgehszene aber trauert, denn was als Stadtentwicklung verkauft wird, ist in ihren Augen ein Euphemismus für anonyme Bürowüsten, Profitmaximierung und Verdrängung.

Fragt man den Chefplaner Johannes Ernst zu diesem Vorwurf, holt er zu einem kleinen Impulsvortrag aus, der mit einem überraschenden Eingeständnis beginnt: „In der Tat haben wir verlernt, Urbanität zu bauen“, sagt Ernst. Zum letzten Mal sei das mit den Quartieren der Gründerzeit gelungen – also vor mehr als hundert Jahren. Dass er mit dieser These nicht unrecht hat, beweisen schon die Mietpreise in München. Viertel wie Haidhausen und Schwabing, die noch viel Altbestand aus der Gründerzeit haben, zählen zu den beliebtesten der Stadt. Dagegen leidet Neuperlach, das Ende der 60er-Jahre auf der „grünen Wiese“ erbaut wurde, bis heute unter dem Ruf einer abgehängten Satellitenstadt.

Städte sind immer dann spannend, wenn nicht alles im gleich aufgeräumten Zustand ist. Und: Lebensqualität entsteht durch eine Vielfalt von Nutzungsarten.

Die Frage, was Städte lebenswert macht, beschäftigt Ernst schon seine ganze Karriere. Das Architekturstudium absolvierte er in den 90er-Jahren in Berlin, „eine Zeit, in der Ost und West auf völlig ungeordnete Weise zusammenwuchsen.“ Er verbringt außerdem viel Zeit in New York, wo er die Verwandlung des Meatpacking District zum quirligen Szeneviertel beobachtet. Erfahrungen, die zwei Überzeugungen in ihm reifen lassen: Städte sind immer dann spannend, wenn nicht alles im gleich aufgeräumten Zustand ist. Und: Lebensqualität entsteht durch eine Vielfalt von Nutzungsarten.

„Die moderne Architektur wollte die von der Industrialisierung geplagte Stadtbevölkerung entlasten“, sagt Ernst. Schmutzige Fabriken werden aus den Innenstädten verbannt, Gewerbeeinheiten müssen zugunsten von Wohnraum weichen. Wo früher auf engstem Raum geschlafen, gearbeitet, eingekauft, produziert, gehandelt und gefeiert wurde, kehrt Ruhe ein – und mit ihr Tristesse. „Mit der Entmischung der Lebensbereiche ist auch die Urbanität flöten gegangen“, so Ernst.

Und im Werksviertel-Mitte? Möchte man es anders machen. Wie genau, will Ernst allerdings nicht auch noch erklären – er zeigt es einem lieber. Also raus aus dem Foyer mit dem Miniaturmodell und rein ins Werksviertel-Mitte. Erster Halt: Der Knödelplatz hinter dem 2016 fertiggestellten Werk 3. „Bei Bebauungsplänen dieser Größenordnung wird immer auch ein Park gefordert, aber nie ein Stadtplatz“, sagt Ernst. „Den braucht man aber als Kristallisationspunkt für das urbane Leben.“ Am südlichen Ende des Platzes steht das Werk 12, das 2019 eröffnet wurde und 2021 den Preis für das „beste Bauwerk des Jahres“ des Deutschen Architekturmuseums erhielt. „AAHHH“, „OH“, „PUH“ steht in riesigen Versalien auf der Fassade.

Der Platz ist mit unscheinbarem, rautenförmigem Betonpflaster bedeckt. Es sind die Originalsteine aus den Pfanni-Werken, die man mühevoll aufbewahrt und teilweise sogar nachproduziert hat.

Aber bevor Ernst etwas zu diesem Blickfang von einem Gebäude sagt, zeigt er erst mal auf den Boden. „Normalerweise hätte man hier alles weggerissen und Granit aus China verlegt“, sagt Ernst. Stattdessen ist der Platz mit unscheinbarem, rautenförmigem Betonpflaster bedeckt. Es sind die Originalsteine aus den Pfanni-Werken, die man mühevoll aufbewahrt und teilweise sogar nachproduziert hat. Auch die alten Eisenbahnschienen, auf denen die Pfanni-Produkte früher das Werksgelände verließen, wurden ausgegraben und neu verlegt. Heute können damit die gigantischen Blumentöpfe und Sitzgelegenheiten verschoben werden, um bei Bedarf Platz für größere Veranstaltungen zu schaffen.

„Der gesamte Plan zum Werksviertel-Mitte wird von der Feststellung getragen, dass es hier bereits alles gab, was Stadt ausmacht“, sagt Ernst. „Finden statt erfinden“ sei deshalb das Motto. Für viele Clubs und Bars, die mit der Schließung der Kultfabrik ihren Standort verloren, bedeutet der behutsame Umgang mit dem besonderen Charakter des Geländes, dass sie tatsächlich zurückkehren können. Das bereits voll in Betrieb genommene Werk 3 beherbergt schon zwei Clubs, mehrere Bars und eine Livebühne. In den oberen Stockwerken gibt es zudem Kunstateliers und auf dem Dach eine großzügige Rooftopbar, in der an unregelmäßigen Terminen Veranstaltungen stattfinden.

Für viele Clubs und Bars, die mit der Schließung der Kultfabrik ihren Standort verloren, bedeutet der behutsame Umgang mit dem besonderen Charakter des Geländes, dass sie tatsächlich zurückkehren können.

Auch in das prominente Werk 12 sind bereits mehrere Bars eingezogen, unter anderem der Schlagergarten, der bereits zu Zeiten der Kultfabrik existierte und im Ruf steht, so geschmacklos wie unterhaltsam zu sein. In das oberste Stockwerk des Werk 12 soll außerdem ein Club, der allein durch die Location zu einem Superlativ werden dürfte. Um den Clubbetrieb an diesem Ort zu ermöglichen, wurde eigens eine Außentreppe, die als Fluchtweg dient, in die Fassade des Gebäudes integriert. Das Werk 7, das früher mal ein Kartoffelspeicher war, wurde zu einem Theater umgebaut, die direkt benachbarten Gebäude hat man hingegen erhalten, um sie nach wie vor als Konzerthallen nutzen zu können.

Zählt man alle Bars, Clubs und Bühnen zusammen, dürfte die Nachtgastronomie im Werksviertel-Mitte wieder ähnlich groß werden, wie sie zu Hochzeiten der Kultfabrik gewesen ist. „Unser Ziel war es, die Nutzungspotenziale der Gebäude nicht weg-, sondern um- und weiterzuplanen“, sagt Ernst.

Der Plan scheint aufzugehen: Mit jedem Monat und jeder neu eröffneten Bar wird das Werksviertel-Mitte lebhafter. Im Sommer, wenn die großen Flächen für die Außengastronomie ebenfalls genutzt werden, erinnert der Trubel schon heute stark an das bunte Treiben der Kultfabrik. Und das, obwohl große Teile des Areals nach wie vor eine Baustelle sind. Mit der „Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Nutzungsarten“, wie Ernst das Konzept nennt, scheint man im Werksviertel-Mitte die Formel für lebhafte und menschengerechte Neubauviertel gefunden zu haben. Weshalb aber sind solche Projekte so selten?

Die Vermietung des Gebäudes ist dabei so angelegt, dass das große Versicherungsunternehmen mit seinen Mieten die Künstlerateliers im Stockwerk darunter teilweise mitfinanziert.

„Viele Planer haben die Tendenz, Gleiches zu Gleichem zu stellen“, sagt Ernst. „Dabei wollen das die meisten Menschen gar nicht.“ Als Beispiel dient ihm erneut das Werk 3, das mehr als zwei Dutzend unterschiedliche Mieter auf Flächen von acht bis 4000 Quadratmeter hat. Die Vermietung des Gebäudes ist dabei so angelegt, dass das große Versicherungsunternehmen mit seinen Mieten die Künstlerateliers im Stockwerk darunter teilweise mitfinanziert. „Die Künstler profitieren von günstigeren Mieten und die Versicherungsangestellten freuen sich, auch mal jemandem ohne Schlips zu begegnen“, sagt Ernst. Ein derartiges Konzept ist für potenzielle Mieter natürlich auch eine Zumutung – und es geht auf den Pfanni-Erben und Bauherren Werner Eckart zurück, dass es überhaupt existiert.

Als ein Unternehmen ihm anbietet, 80 Prozent der Büros im Werk 3 zu mieten, winkt er ab. Er möchte keine abgeschotteten Personalkantinen oder internationale Ketten, sondern lieber kleine, wandelbare Unternehmen. Chefplaner Johannes Ernst ist derweil glücklich, für einen Auftraggeber zu arbeiten, der eine so ausdifferenzierte Vision von Urbanität hat. Bei der Planung des Werk 12 konnte er so unter anderem durchsetzen, dass die Aufzüge nicht von der Tiefgarage bequem bis in alle Stockwerke fahren. „Das ist immer mein Traum gewesen“, sagt Ernst. Die Leute kommen erst mal nur bis ins Erdgeschoss und müssen dort umsteigen. Der Knödelplatz und die angrenzenden Gastronomien werden auf diese Weise wie von selbst belebt.

Johannes Ernst möchte keine abgeschotteten Personalkantinen oder internationale Ketten, sondern lieber kleine, wandelbare Unternehmen.

Bei all der Begeisterung für lebhafte Urbanität ist allerdings auch absehbar, dass die intensive gastronomische Nutzung bei manchen Anwohnern für Ärger sorgen könnte. Das Werk 1.4 wird deshalb extra verlängert und ein verschließbares Tor integriert, sodass die dahinter liegende Wohngegend etwas abgeschottet wird. Der Club im obersten Stockwerk des Werk 12 könnte dagegen weiter schallen, als manchen lieb ist. Johannes Ernst scheint solchen Konflikten allerdings gelassen entgegenzublicken. Er ist überzeugt, dass die Menschen, die hierherziehen werden, wissen, worauf sie sich einlassen. Er sagt aber auch: „Manche Dinge muss man einfach aushalten.“ Man könnte auch sagen: Konflikte gehören zum Leben – und das ist es schließlich, was im Werksviertel-Mitte einziehen soll.

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle

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