Legendäre Lokale

Trinken wie damals

Einige Gaststätten funktionieren wie eine Zeitmaschine. Wir erklären, in welchen Bars, Wirtshäusern und Cafés sich bis heute der Geist vergangener Dekaden hält. 

1900: Künstlerhaus, Fokus: München leuchtet ...

 

So war es damals: Im Jahr 1900 von Prinzregent Luitpold eröffnet, war das Künstlerhaus einer der Treffpunkte der Szene, der Thomas Mann in der Kurzgeschichte „Gladius Dei“ ein berühmtes Denkmal setzte: „... die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt ihr rosenumwundenes Zepter über die Stadt hin und lächelt, kurz: München leuchtete.“ In dem architektonisch etwas schwülstigen Neorenaissance-Gebäude traf sich die erste aller Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaften: Großkünstler wie Franz von Stuck und Franz von Lenbach hielten hier Hof, Champagner floss, man kam sich wichtig vor.

So ist es heute: Das Künstlerhaus erlitt im Zweiten Weltkrieg einen schweren Bombenschaden, wurde nachher wiederaufgebaut, aber konnte nicht mehr an alte Glanzzeiten anschließen. Heute finden vor allem Empfänge und Diners statt. Im herrlichen Innenhof aber kann man sich noch in der mondänen Aura der Jahrhundertwende wähnen.

Das trinkt man hier: Damals Champagner, heute Aperol Spritz.

1910: Alter Simpl, Fokus: betrunkene Boheme

 

So war es damals: Während die schon angestaubten Kunstfürsten sich im Künstlerhaus feiern ließen, traf sich die junge, wilde Bohème im Simpl, einer rustikalen Bierschenke in Schwabing. Benannt wurde sie nach dem Münchner Satireblatt Simplicissimus, deren Autorenschaft auch hier regelmäßig zechte: der Kraftmensch Ludwig Thoma, der spitzfindige Zeichner Th. Th. Heine, aber auch der Anarchist Erich Mühsam und allerlei Gelichter aus der Halbwelt. Regelmäßig entlud sich der Bierdunst in derben Schlägereien.

So ist es heute: Die Inneneinrichtung des Simpl wurde weitgehend erhalten oder sehr sensibel und geschmackssicher dem historischen Zustand angenähert. Heute findet man freilich keine avantgardistischen Autoren wie seinerzeit Frank Wedekind im Simpl, sondern brave Studenten aus den nahe gelegenen Universitäten. Die Speisen sind wie damals einfach und gut.

Das trinkt man hier: Ein Helles und einen Obstler.

 

1920: Wirtshaus in der Au, Fokus: isarnahes Proletariat

 

So war es damals: Schwabing war schon in den 1920er-Jahren chichi, hier trafen Künstler auf Bohème – die Au hingegen war das Viertel der kleinen Leute, der Arbeiter und Handwerker. Einer deren Helden – von den Schwabinger Künstlern aber auch sehr verehrt – war Karl Valentin. Im Wirtshaus in der Au legte der Volksschauspieler legendäre Auftritte hin. Das war damals eine Gaststätte wie viele in München: einfacher, biergetränkter Dielenboden, „Schweinernes“ auf der Speisekarte, ein ausgelagertes Esszimmer all jener, deren Wohnung keine eigene Küche hatte.

So ist es heute: Wegen der Isarnähe ist die Au heute eines der begehrtesten Wohnviertel der Stadt, das ursprüngliche Publikum Karl Valentins, die kleinen Leute, wohnen hier schon lange nicht mehr. Das Wirtshaus in der Au aber ist immer noch eine rustikale, ehrliche Gaststätte.

Das trinkt man hier: Dunkles, das eigentlich originale Münchner Bier.

1930er: Goldene Bar, Fokus: golden lackierte Dunkelheit

 

So war es damals: 1937 eröffnete das „Haus der Deutschen Kunst“, der größte Repräsentationsbau nationalsozialistischer Kulturpolitik. Die heute als „Goldene Bar“ bekannte Gaststätte wurde von Architekt Paul Ludwig Troost als Raum für Künstlerfeste geplant, die Einrichtung war luxuriös und erinnerte an noble Hotels oder Atlantikdampfer. Die Wände wurden von dem von den Nazis wohlgelittenen Künstler Karl-Heinz Dallinger gestaltet: Auf Blattgold zeigte er alle wichtigen Anbaugebiete für Spirituosen weltweit. Damit wollte man Weltläufigkeit demonstrieren, im Zentrum standen freilich die deutschen Weinregionen.

So ist es heute: Die Wandgemälde der Bar sind erhalten, die Inneneinrichtung aus dunklem Holz und Leder fügt sich edel dazu. Ein sehr mondäner Ort. Und im Gegensatz zu den 1930er-Jahren herrscht hier heute aufgrund des internationalen Publikums des Hauses der Kunst wirklich Weltläufigkeit.

Das trinkt man hier: Riesling und die fancy Drinks von Chef Klaus St. Rainer.

 

1940er: Hofbräuhaus, Fokus: die Erfindung des München-Tourismus

 

So war es damals: Nach dem Krieg lag München in Trümmern. Auch das Hofbräuhaus, die berühmteste Bierwirtschaft der Stadt, war fast gänzlich zerstört. Die „Schwemme“, die große Bierhalle, war jedoch weitgehend unbeschädigt und konnte weiter genutzt werden. 1949 gab das Fremdenverkehrsamt die Broschüre „München 1949“ heraus – der Startschuss des modernen Tourismus in München. Schnell entwickelte sich das Hofbräuhaus zum Hotspot für Besucher aus aller Welt – und ist es bis heute.

So ist es heute: Das Hofbräuhaus ist ein bisschen so wie München im Kleinen: so ein Original, dass es fast schon wie eine Kulisse wirkt. Und neben den Touristen finden sich hier tatsächlich auch die Tische der (grantelnden) Einheimischen.

Das trinkt man hier: eine Maß. Allerdings nicht aus den schönen Steingutkrügen. Die sind den Stammgästen vorbehalten.

1950er: Schwabinger Sieben, Fokus: München von unten

 

So war es damals: Ein niedriger Behelfsbau, der in den ersten Nachkriegsjahren im Hinterhof eines zerbombten Hauses errichtet wurde: das war über Jahrzehnte die Heimat einer der berüchtigtsten Kneipen der Stadt – der Schwabinger 7. Dunkel, verraucht, verrucht: Hier traf sich alles, was in Schwabing alternativ war, etwa 1962 die Studenten, die an den „Schwabinger Krawallen“ beteiligt waren.

So ist es heute: Die Schwabinger 7 war und ist eine Konstante in München. Die Verwegenen jeder Generation finden hierher. Der Umgangston ist und bleibt alles andere als freundlich, die Kneipe ist ein wichtiger Kontrapunkt zum Bussi-Bussi-München. Vor einigen Jahren musste sie in ein benachbartes Gebäude umziehen, ihr ruppiger Charme aber blieb erhalten.

Das trinkt man hier: eine Goaß (Bier mit Cola und Schnaps).

1960er: Bei Mario, Fokus: Dolce Vita in der Maxvorstadt

 

So war es damals: Es gab schon vor Mario Gargiulo italienische Gastwirte in der Stadt. Aber die bedienten ein gehobenes Publikum. Mario brachte die Pizza nach München und servierte sie den Massen, die sich ab Mitte der 1960er-Jahre langsam, aber sicher kulinarisch öffneten. Der Besuch „Bei Mario“ in der Maxvorstadt war für viele Münchner der erste Kontakt mit dem „Dolce Vita“ südlich der Alpen. 

So ist es heute: Die Inneneinrichtung ist weitgehend noch original aus den Anfangsjahren, blaue Kacheln erzeugen eine sanft mediterrane Stimmung. Die Speisen sind einfach, aber gut, die Weine nicht zu teuer.

Das trinkt man hier: Chianti und Lambrusco.

 

1970er: Ruffini, Fokus: links bewegtes München

 

So war es damals: In den links bewegten Kreisen der 1970er musste alles basisdemokratisch ausdiskutiert werden. Aus diesem Mindset entstanden das Café und die Bar Ruffini in Neuhausen. Eine bunte Gruppe von Studentinnen, Kommunarden und Aktivisten gründete das Café, in dem alle Gesellschafter über die Belange mit abstimmen durften.

So ist es heute: Der idealistische Gemeinsinn des Ruffinis führte nicht, wie Konservative es gerne gesehen hätten, ins Chaos. Vielmehr bündelte sich hier guter Geschmack. Schnell wurde über die Grenzen Neuhausens bekannt, dass man fantastische Kuchen essen und wunderbaren Kaffee trinken kann – bis heute. Auch das Handyverbot im Lokal überzeugt eine gewisse Klientel.

Das trinkt man hier: Cappuccino – oder kleine Weine.

1980er: Deutsche Eiche, Fokus: das Herrenhaus

 

So war es damals: Die Deutsche Eiche ist eine Institution in München, nein, in ganz Deutschland, wenn nicht der ganzen Welt. Vor mehr als hundert Jahren gegründet, etablierte sich die Gaststätte nach 1945 zu einem Hotspot im damaligen Münchner Rotlichtmilieu am Gärtnerplatz. Schon bald wurde sie auch ein Treffpunkt der Münchner Schwulenszene. In den 1980er-Jahren zechten hier Freddie Mercury und Rainer Werner Fassbinder.

So ist es heute: Die heutigen Wirte bewahrten das Haus vor dem Untergang, der in den 1990er- Jahren im Zug der Aidskrise drohte. Sie bauten die Sauna, das „Männerbadehaus“, konsequent aus. Heute ist es einer der größten Sexspielplätze für Männer. Mit dazu gehört, dass das Restaurant der „Eiche“ „gutbürgerlich“ im besten Sinne ist.

Das trinkt man hier: Weißbier.

 

1990er: Schumann’s, Fokus: das Treibhaus

 

So war es damals: Das Schumann’s ist die wahrscheinlich berühmteste Bar Deutschlands. 1982 an der Maximilianstraße eröffnet und vom charismatischen Chef Charles Schumann schnell zu einer Legende gemacht, zeigt sich hier das eigentliche Wesen einer bedeutenden Bar: Das Publikum lässt sich unterscheiden in VIPs und Adabeis – und über den Status entscheidet nicht das Einkommen, sondern das Wohlwollen des Patriarchen Charles. Vor allem in den 1990er-Jahren war das Schumann’s eine Art intellektuelles Treibhaus, in dem im dichten Rauch und befeuert von Cocktails und Substanzen das deutsche Feuilleton neu erfunden wurde.

So ist es heute: 2003 an den Odeonsplatz umgezogen, büßte das Schumann’s etwas von seinem dunklen, verwegenen Charme ein, dafür wurde das durch edles Ambiente und feine Küche wettgemacht. Bis heute ist es ein Etablissement, in dem man keine lauen Abende verbringt.

Das trinkt man hier: Negroni.

2000er: Favorit Bar, Fokus: die ewige Berlin-Konkurrenz

 

So war es damals: Anfang der 2000er-Jahre verglich sich München gerne mit Berlin. Alles, was die sogenannte Szene betrifft, wirkte dort auf einmal angesagter, größer, kurz: besser. Die Favorit Bar hielt da tapfer dagegen. Gegründet 1999 in der feiertechnisch eigentlich toten Innenstadt, trifft sich hier das coole München: Kunst-Atzen, Autorinnen, geschmackssicheres Partyvolk. Die Musik ist handverlesen und dasselbe gilt am Wochenende fürs Publikum.

So ist es heute: In der „Favo“ steht die Zeit still, mal abgesehen vom Rauchverbot (früher konnte man hier die Luft schneiden). Die elegant geschwungenen, mit ochsenblutfarbenem Linoleum überzogenen Bänke scheinen nicht zu altern. Auch das Publikum bleibt gleich alt (Altersgruppe: Langzeitstudierende ...), ältere Gäste sind aber wohlgelitten.

Das trinkt man hier: Helles und Gin Tonic.

 

 

Text: Paul-Philipp Hanske; Fotos: Frank Stolle

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