Gästeführerin im Interview

Als München zum „Isar-Athen“ wurde

König Ludwig I. baute München zu seinem „Isar-Athen“ um, viele Gebäude erinnern heute noch daran. Reidun Alvestad-Aschenbrenner ist Vorsitzende der Münchner Gästeführer und König-Ludwig-Fan. Wir haben mit ihr das antike Griechenland in München entdeckt.

Die Norwegerin Reidun Alvestad-Aschenbrenner kam nach dem Abitur als Au-Pair nach München. Ihre Gastfamilie nahm sie überall mit hin – so kannte sie nach kurzer Zeit sämtliche Museen und Theater der Stadt. Nachdem sie Germanistik in Oslo und München studiert hatte, blieb sie hier und machte 1999 die Prüfung zur Gästeführerin. Seitdem arbeitet sie mit Begeisterung in ihrem Beruf, mittlerweile ist sie Vorsitzende des Münchner Gästeführer Vereins.

Wir haben uns mit ihr im Café in der Staatlichen Antikensammlung getroffen und gemeinsam die griechischen Statuen im Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke bestaunt. Auf den Spuren der Lieblinge von König Ludwig I. – von Bildhauer Bertel Thorvaldsen bis zum Architekten Leo von Klenze. Und schließlich zu seinem geliebten „Isar-Athen", das der König nach dem Vorbild der griechischen Antike bauen ließ.

 

Der Münchner Gästeführer Verein hat über hundert Führungen im Angebot. Was ist ihr persönliches Lieblingsthema?

Mich fasziniert das königliche München. Vielleicht, weil ich selber aus einem Königreich stamme. Ich entdecke immer wieder Ähnlichkeiten zwischen Norwegen und Bayern. Die Berge natürlich, die Natur, aber auch, dass in Bayern heute noch so viel daran erinnert, dass es einmal ein Königreich war. Das war wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich mich sofort wohlgefühlt habe, als ich damals nach München kam. Auch, wenn Bayern ein paar mehr Einwohner hat als Norwegen (lacht).

Was mögen Sie besonders an Ihrem Job?

Gästeführerin sein, ist ein Geben und Nehmen. Ich mag es auf der einen Seite sehr, dass ich die Stadt, in der ich gerne lebe, meinen Gästen näher bringen kann. Auf der anderen Seite, lerne ich immer wieder neue Menschen kennen und komme mit ihnen ins Gespräch. Jede Führung ist deshalb auch eine Bereicherung für mich.

Die Glyptothek eröffnet im November nach eineinhalb Jahren endlich wieder. Was hat Ihnen in dieser Zeit gefehlt?

Meinen Gästen die Glyptothek und ihre einzigartigen Schätze zu zeigen. Und privat die Theatervorstellungen, die im Sommer immer im Hof stattfanden. Das letzte Stück, das ich gesehen habe, war Don Quijote. Ich freue mich jetzt darauf, dass sie endlich wieder aufmacht – und dazu gibt es auch eine besondere Ausstellung.

„Gästeführerin sein, ist ein Geben und Nehmen. Jede Führung ist auch eine Bereicherung für mich.“

Zur Wiedereröffnung der Glyptothek und zum 250. Geburtstag von Bertel Thorvaldsen findet eine Ausstellung zu dem dänischen Bildhauer statt. Was ist ganz typisch für seine Arbeit?

Besonders ist, wie Thorvaldsen es schafft, Stimmungen in seinen Werken einzufangen. Wie er seine Skulpturen in Zusammenhang gestellt hat – das ist es auch, was Ludwig I. an seiner Arbeit so geschätzt hat. Die Gesamtheit, die Komposition. Eine bekannte Skulptur von ihm ist der Adonis. König Ludwig I. hat die Figur 1808 bei dem Bildhauer bestellt, geliefert wurde sie erst im Jahr 1832. Denn es ist eine der wenigen Arbeiten, die Thorvaldsen vollkommen eigenhändig erarbeitet hat. Dies war eine Bedingung, die Ludwig I. gestellt hatte, als er ihm den Auftrag gab.

Kannten die beiden sich? Oder waren sie sogar befreundet?

König Ludwig I. war als Kronprinz häufig in Rom, dort hat Thorvaldsen lange Jahre gearbeitet. Ludwig wollte aus München eine echte Kunststadt machen – und dafür einige Künstler, darunter Thorvaldsen, hier beschäftigen. Aber der lehnte dankend ab. Thorvaldsen hat Ludwig aber einen anderen Gefallen getan: Dieser wollte den „Barberinischen Faun", der eigentlich in Italien bleiben sollte, unbedingt für die Glyptothek. Ganze zehn Jahre hat es gedauert, die berühmte Skulptur nach München zu holen, zwischengelagert wurde sie auch in der Werkstatt von Thorvaldsen. Als Zeichen seiner Wertschätzung ließ Ludwig I. Thorvaldsen die Giebelfiguren des Aphaia-Tempels von Ägina ergänzen – diese wurden in den 1960er Jahren zwar wieder entfernt, aber die Figuren sind noch heute eines der Highlights der Glyptothek. Ein Beweis für die gute Beziehung zwischen den beiden ist auch das Gemälde von Franz Ludwig Catel in der Neuen Pinakothek: Es zeigt Ludwig I., der mit mehreren Künstlern neben Thorvaldsen in einer spanischen Weinschänke sitzt. 

Mittelalterliche Literatur, die russische Sprache, das antike Griechenland – die Interessen von König Ludwig I. waren breit gefächert. Gab es auch etwas, für das er sich überhaupt nicht begeistern konnte?

Man könnte vielleicht sagen, dass er ein Gegner Frankreichs war. Und trotzdem ist er in jungen Jahren schon nach Paris gefahren und hat sich in wenigen Wochen 33 Mal das Louvre angeschaut. Er hat sich für die Kunst interessiert, in allen Bereichen. Ein Jahr vor seinem Tod war er noch bei der Pariser Weltausstellung. Man sagt, er habe sich am Ende seines Lebens noch mit Frankreich versöhnt, verstorben ist er schließlich in Nizza. 

„Das erste Gebäude, das er im griechischen Stil bauen ließ, war die Glyptothek – bis heute das einzige Museum der Welt, das ausschließlich antike Kunst zeigt.“

König Ludwig I. war großer Fan des antiken Griechenlands. Welche Gebäude in München erinnern heute noch daran?

Das erste Gebäude, das er im griechischen Stil bauen ließ, war die Glyptothek – bis heute das einzige Museum der Welt, das ausschließlich antike Kunst zeigt. Danach die Antikensammlung und die Propyläen. Der Monopteros ist ebenfalls von ihm – so setzte sich sein Isar-Athen nach und nach zusammen. Den Tempel im Englischen Garten hat er so hoch bauen lassen, weil er einen direkten Blick auf den Turm der Residenz haben wollte. 

Die Propyläen am Königsplatz hat er sogar privat finanziert – als Zeichen der Freundschaft zwischen Griechenland und Bayern. 

Die wurden erst fertig gestellt, als er längst abgedankt hatte. Vom Entwurf bis zur Fertigstellung sind fast 30 Jahre vergangen. Viele sagen, dass er selbst nicht mehr so dahinter war, weil sein Interesse für Griechenland weniger wurde. Ursprünglich waren die Propyläen einmal als Stadttor geplant, aber bis zur Fertigstellung war München schon viel größer.

Die Bavaria und die Ruhmeshalle muten auch recht griechisch an. Wir verdanken König Ludwig I. sogar das Oktoberfest, oder?

Er heiratete Therese von Sachsen-Hildburghausen 1810 in der Residenz in der Hofkapelle. Anlässlich ihrer Hochzeit organisierte man ein Fest für das Volk auf einer Wiese außerhalb der Stadt. Den Münchnern gefiel das Fest so gut, dass sie es von da an jedes Jahr feiern wollten. Zuerst organisierten es die Bauern, ab 1819 übernahm die Stadt. Die Theresienwiese wurde nach seiner Frau Therese benannt.

„Anlässlich ihrer Hochzeit organisierte man ein Fest für das Volk auf einer Wiese außerhalb der Stadt. Den Münchnern gefiel das Fest so gut, dass sie es von da an jedes Jahr feiern wollten.“

Wenn man als Spaziergänger durch München geht – woran erkennt man die griechischen Bauten?

Die Gebäude erkennt man gut an ihrem Dreiecksgiebel, der typisch für die Renaissance und die Antike ist. Gerne auch mit einem Fries darin. Und natürlich an den griechischen Säulen, die nicht zu übersehen sind. Die Glyptothek ist ein typisches Beispiel für jenen Baustil – und als Tempel der Monopteros.

Ludwigs liebste Architekten waren Leo von Klenze und später Friedrich von Gärtner. Was gefiel ihm an ihrer Arbeit?

König Ludwig I. gefiel der klassizistische Baustil, für den Klenze bekannt war. Die beiden arbeiteten über 20 Jahre zusammen. Er konnte sicher sein, dass Klenze nichts baut, das französisch anmutet – das beruhigte ihn (lacht). Gärtners Stil geht dagegen eher in die Neo-Renaissance, aber die fand Ludwig I. auch toll. Denn das war etwas Italienisches und die Renaissance ist ja die Wiedergeburt der Antike. 

Nicht nur architektonisch hat sich Bayern damals Griechenland zugewendet. Ludwigs zweiter Sohn Otto I. wurde 1832 sogar griechischer König. Wie kam es dazu?

Weil Ludwig so viel Geld für die griechischen Freiheitskämpfe zur Verfügung gestellt hatte, war sein zweiter Sohn schnell im Gespräch, obwohl er eigentlich nicht die erste Wahl für den Thron war. Man kann die Szene heute noch sehen im Fries der Propyläen – wie Otto I. in der damaligen griechischen Hauptstadt Nauplia in Empfang genommen wird. König Ludwig I. hat seinen Sohn natürlich auch besucht und kam so zumindest ein Mal in sein geliebtes Griechenland!

„Wir verdanken Ludwig I. außerdem die Ludwig-Maximilians-Universität, die er von Landshut nach München holen ließ.“

Wir verdanken dem Griechenland-Fan auch, dass Bayern heute mit y statt mit i geschrieben wird. Was geht noch auf König Ludwigs Kappe?

Wir verdanken Ludwig I. außerdem die Ludwig-Maximilians-Universität, die er von Landshut nach München holen ließ. Er hatte sich eine große Prachtstraße wie in Rom gewünscht und der Stadt die Ludwigstraße geschenkt. Doch der Adel wollte nicht einziehen, also musste er die Straße füllen – und so entstanden die Staatsbibliothek und schließlich die Universität.

Er hat viel Geld in Architektur gesteckt, privat war Ludwig I. wohl eher geizig?

Mit seiner Frau war er recht sparsam, das stimmt. Wenn man sich in der Schatzkammer anschaut, was Therese gehört hat, findet man nicht viel. Er hat ihr ein wunderschönes Collier und ein Diadem mit Rubinen und Diamanten geschenkt, doch die verwendeten Steine waren nicht neu, sondern aus der eigenen Schatzkammer wiederverwendet.

Was ist Ihre Lieblingsanekdote zu König Ludwig I.?

Ich erzähle gerne die Geschichte von den Löwen vor der Residenz: Durch seine angeborene Schwerhörigkeit wurde Ludwig I. mit dem Alter immer misstrauischer. Er hob die Pressefreiheit wieder auf und schloss die Universität. Als ein Student sich in einem Schreiben öffentlich aufgeregte, vermutete Ludwig eine Revolte gegen ihn. Er ließ tausend Gulden aussetzen für denjeingen, der die Verfasser des Schreibens festmachte. Der Student meldete sich freiwillig bei ihm und Ludwig war so erleichtert, dass er ihm die tausend Gulden einfach schenkte. Jener tanzte vor Freude aus der Residenz und berührte dabei die Löwen – seither verspricht das Reiben an ihren Nasen Reichtum.

„Der Student tanzte vor Freude aus der Residenz und berührte dabei die Löwen – seither verspricht das Reiben an ihren Nasen Reichtum.“

Wo fühlen Sie sich heute in München noch König Ludwig I. besonders verbunden?

Wenn ich Führungen im Königsbau in der Residenz mache. In der Uni, hier habe ich schließlich selbst studiert und in der Glyptothek. Ludwig I. hatte einen guten Kunstagenten, wollte aber immer Qualität statt Quantität. Deswegen kaufte er nur die hochwertigsten Objekte ein – und diese Qualität kann man bis heute hier bestaunen.

Wo kann man sich heute noch in München ein bisschen wie in Griechenland fühlen?

Als ich studiert habe, konnten wir uns nur die griechischen Lokale in München leisten, weil die günstig waren. Wenn ich mich heute wie in Griechenland fühlen möchte, dann gehe ich zu meinem Lieblingsgriechen am Prinzregentenplatz. Ich mag die griechische Freundlichkeit und Leichtigkeit – in Kombination mit dem Essen fühle ich mich dem Land dort sehr verbunden.

 

 

Interview: Anja Schauberger; Fotos: Frank Stolle

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