Ein Besuch bei der Schreinerei „Birnbaumblau“

Holz im Hinterhof

Die Schreinerei „Birnbaumblau“ ist eine Werkstatt, wie es sie heute fast nicht mehr gibt – und wenn, dann am ehesten in Haidhausen. In einem beschaulichen Hinterhof arbeiten zwei Schreinermeister, drei Gesell*innen und zwei Auszubildende an nachhaltigen, liebevoll handgefertigten Möbeln. Ein Besuch in einer märchenhaften Holzmanufaktur.

Seine Schätze lagert Walter Schernhammer direkt neben dem Eingang zur Werkstatt, aufgestapelt unter Wellplatten aus Kunststoff: Das Schnittholz, aus dem die Tische, Schränke, Betten und Küchen werden, die in der Schreinerei „Birnbaumblau“ entstehen. Man sieht noch die Rundung des Baums, hier und da hängt ein Stück Rinde, auf die Schnittkanten hat jemand mit schwarzem Filzstift die Sorten geschrieben: Elsbeere, Buche, Zirbe, Eiche. „Das Holz aufschneiden, anhobeln, der Oberfläche ein Gesicht geben“, das sei für ihn immer der schönste Teil seiner Arbeit, erzählt Schernhammer, während er prüfend die aufgeschnittenen Stämme betrachtet.

Der große Holzstapel in einem Hinterhof in Haidhausen überrascht in einer Stadt, die so aufgeräumt ist, in der jede Verkehrsinsel alle paar Wochen gemäht wird und jede Parkbank ihren festen Platz hat. Auch hier im Franzosenviertel, das kleinteiliger und dörflicher ist als andere Viertel in München. Doch für Schernhammer ist sein Stapel Holz und die dazugehörige Schreinerei das genaue Gegenteil: „Früher gab es ja in der Stadt in jedem Hinterhof irgendein Gewerk“, sagt er.

„Das Holz aufschneiden, anhobeln, der Oberfläche ein Gesicht geben“, das sei für ihn immer der schönste Teil seiner Arbeit, erzählt Schernhammer, während er prüfend die aufgeschnittenen Stämme betrachtet.

Die Werkstatt „Birnbaumblau“ ist eine Schreinerei, wie es sie heute fast nicht mehr gibt. Auf 240 Quadratmetern bauen hier mitten in der Stadt zwei Meister, drei Gesellen, eine Auszubildende und ein Auszubildender hochwertige Möbel liebevoll von Hand. Die computergesteuerten Fräsmaschinen, wie sie in vielen Schreinereien mittlerweile Standard sind, sucht man hier vergeblich. Das liegt zum einen am fehlenden Platz, aber vor allem daran, dass die Möbel, die hier gebaut werden, fast immer Unikate sind. „Häufig kommen Leute, die eine Nische oder Ecke frei haben und bei einem der Massenanbieter nichts Passendes finden“, sagt Schernhammer.

Schon seit den 1950er-Jahren gibt es an diesem Ort eine Schreinerei. Schernhammer übernahm sie 1999 – dass sie nach wie vor existiert, hat er der Witwe des ersten Schreiners zu verdanken. „Als hier in den 1980er-Jahren saniert und nachverdichtet wurde, hat sie sich einfach geweigert, zu verkaufen“, erzählt er. Ein Glücksfall, nicht nur, weil Schernhammer seit fast dreißig Jahren selbst in Haidhausen lebt und den kurzen Weg zur Arbeit schätzt. Sondern vor allem deshalb, weil „Birnbaumblau“ nur im Zusammenspiel mit dem Viertel und seinen Menschen funktioniert.

„Wir betrachten uns als Teil der lokalen Grundversorgung“, sagt Schernhammer. Viele seiner Aufträge kommen aus der Nachbarschaft. Aber für Schernhammer geht es noch um etwas anderes. Immer wieder klopfen Menschen mit kleineren Problemen an die Tür der Werkstatt. Etwa, weil sie beim Baumarkt ein Brett gekauft haben, das zu lang ist oder weil der neue Schrank nicht in die Wohnung passt. „Dann ist es doch schön, wenn man nach nebenan gehen kann und einem geholfen wird“, sagt Schernhammer. „Das rentiert sich für uns zwar nicht, aber es gehört zu meinem Selbstverständnis als Handwerker.“

Dabei stört es ihn auch nicht, dass seine sorgfältig gebauten Einzelanfertigungen oftmals neben anonymer Möbelhausware stehen. Im Gegenteil: „Unsere Kunden sind nicht durchwegs solche, die mit Geld um sich werfen“, sagt Schernhammer. Es freue ihn, wenn er weiß, dass sich jemand den hochwertigen Schreibtisch zusammengespart hat, aber dafür Abstriche bei der Schrankwand machen musste. „Und es gibt immer wieder Menschen, die fünf oder zehn Jahre später wiederkommen und dann auch noch den Schrank von uns wollen“, sagt er.

„Wir versuchen, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten“, sagt Schernhammer. Das bedeutet: Ökostrom, Müllvermeidung und der Verzicht auf Tropenholz.

Die Nähe zu den Kundinnen und Kunden ist Schernhammer auch deshalb wichtig, weil die Möbelstücke von „Birnbaumblau“ keine abstrakten Produkte sind, sondern immer in Interaktion mit den Menschen entstehen. „Wir bauen schließlich Möbel, die es vorher nicht gab, die extra für einen gemacht werden“, sagt Schernhammer. Dafür sei es unentbehrlich, dass man die Schreinerei besuchen kann, denn nur so entstehe die notwendige Vertrauensbasis für eine Maßanfertigung. Denn wie der Schrank letztlich aussehen wird, kann man nicht im Katalog nachschauen.

„Dabei erfinden wir den Tisch natürlich niemals neu, trotzdem ist jeder unserer Tische einzigartig“, sagt Schernhammer und zeigt ein Exemplar aus hellem Holz, das gerade im hinteren Teil der Schreinerei zusammengebaut wird. Die viereckige Tischplatte wirkt etwas schmaler und länger als die gängige Einheitsgröße aus dem Möbelhaus. Später wird ein ausgeklügeltes Erweiterungssystem dafür sorgen, dass der Tisch mit wenigen Handgriffen umgebaut werden kann und auch Platz für Gäste bietet. „Das hat sich der Kunde gewünscht“, sagt Schernhammer.

Zurück in seinem Büro berichtet er davon, wie sich die Arbeit als Schreiner in den letzten Jahren verändert hat. Kommt er auf die Feinheiten der Holzbearbeitung zu sprechen, geraten seine Hände in Bewegung: Dann suchen seine Fingerspitzen den Kontakt zum Holz, streicht er mit seiner rauen Handfläche über die geölte Eichenplatte des Schreibtischs, wobei ein angenehm schleifendes Geräusch entsteht. „Früher hatten die Leute noch eine genauere Vorstellung davon, welche Möbel sie wollen und wie so etwas gebaut wird“, erzählt Schernhammer. Heute würde hingegen oft die gemeinsame Sprache fehlen. Zum Beispiel, wenn der Wunsch nach „weißem Holz“ geäußert wird und letztlich herauskommt, dass eine lackierte Spanplatte gemeint ist. „Dass diese Platten nicht so wachsen, sondern hergestellt werden, ist den Menschen manchmal nicht bewusst“, sagt Schernhammer. Er sagt das ohne jeden Frust.

Ihm ist bewusst, dass sich die Lebensrealität insbesondere der Stadtbevölkerung in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat, weg vom Manuellen hin zum Virtuellen. Umso wichtiger sind ihm die verbliebenen Werkstätten in der Stadt. „Ich verstehe das auch als Auftrag“, sagt Schernhammer. Er möchte zeigen, wie die Dinge entstehen, dass die Platten nicht fertig im Lager warten, sondern zunächst als Stamm im Hinterhof liegen, der zugeschnitten, gehobelt und zusammengesetzt werden muss – und das funktioniere eben nur dann, wenn die Menschen in der Nähe wohnen und auch spontan vorbeischauen können. „Du bekommst die Leute nicht in irgendein Gewerbegebiet“, sagt Schernhammer.

Mittlerweile ist es kurz vor Feierabend in der Schreinerei. Die Kreissäge, die bisher mit ihrem tosenden Lärm alle anderen Geräusche verdrängt hat, wird ausgeschaltet. Morgen soll ein Schrank ausgeliefert werden. Dafür Werkzeugkisten gepackt, Polsterfolie aus dem Keller geholt und die Schrankteile zurechtgelegt. „Wir versuchen, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten“, sagt Schernhammer. Das bedeutet: Ökostrom, Müllvermeidung und der Verzicht auf Tropenholz. Auch den eigenen Transporter haben sie schon vor zwanzig Jahren abgeschafft, stattdessen setzen sie auf Carsharing, wenn sie ihre Möbel ausliefern. Das sei zwar etwas aufwändiger, lohne sich aber für Mensch und Umwelt.

Als sie „Birnbaumblau“ vor gut zwei Jahrzehnten gegründet haben, hätten sie sich drei Ziele gesetzt, erzählt Schernhammer. Erstens: die traditionellen Handwerkstechniken aufrechtzuerhalten. Zweitens dabei trotzdem eine zeitlose und moderne Formensprache zu finden. Und schließlich noch, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten. Schernhammer blickt sich in der jetzt still daliegenden Schreinerei um, er wirkt zufrieden: „Was wir uns damals vorgenommen haben, machen wir immer noch. Nur heute interessiert es viel mehr Menschen.“

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle

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