Antiquitäten im Franzosenviertel

Perlen mit Patina

Das Franzosenviertel gilt als die Antiquität unter den Münchner Vierteln. Wir haben uns jenseits der Isar auf die Suche nach besonders edlen Stücken gemacht und uns bei einem Antiquitätenhändler auf eine kleine Zeitreise durch die Kontinente begeben.

Wenn ein Münchner Viertel als malerisch bezeichnet werden darf, dann ist es Haidhausen: Alle lieben die dörfliche Atmosphäre, wie sie etwa rund um den Wiener Platz noch herrscht, umgeben von Gassen mit uralten kleinen Wohnhäusern, Architektur aus ganz alten Münchner Zeiten. Dass diese kleinen Perlen nicht an Investoren verkauft werden, sondern dass kleine örtliche Handwerksbetriebe und Kunstschaffende diese Häuser übernehmen konnten und sie weiterhin mit Leben füllen, darauf hat die Stadt geachtet. Jede Menge Boutiquen für alten Krimskrams und Vintage-Möbelgeschäfte tragen dazu bei, dass Haidhausen zu Recht als die „Antiquität unter den Münchner Vierteln“ bezeichnet wird.

So muss man dort auch nicht lange nach einem veritablen Antiquitätenladen suchen, der noch das alte Haidhausen kennt und tief mit seinem Viertel verbunden ist: Gleich um die Ecke vom Wiener Platz, am Johannisplatz mit seinem alten Baumbestand, hält sich seit nunmehr fünfzig Jahren so einer: Antik Reichenmeier, ein Laden so urig wie das Viertel, keine 50 Quadratmeter, geschnitten wie ein schmaler Gang, der den Besucher Schritt für Schritt hineinzieht in uralte Zeiten und große Vergangenheit aus aller Welt.

Gleich wenn man hereinkommt, kann man eine Reise nach Asien unternehmen. Guan Ying empfängt den Besucher, eine lächelnde chinesische Göttin aus dem 19. Jahrhundert, holzgeschnitzt und gefasst, und der Inhaber, Rainer Reichenmeier, ein Experte nicht nur für Asiatica, beginnt zu erzählen: Von dem japanischen Lampenfuß, „sehr ausgefallen, sehr selten“, einem bemalten Messing-Keramik-Relief, irgendwann vor hundert Jahren umgebaut und elektrifiziert: eine Palast-Szene aus dem damaligen höfischen Leben in Japan, vorne drei Samurai-Kämpfer, hinten ein Lehrer mit seinen Schülern.

Jede Menge Boutiquen für alten Krimskrams und Vintage-Möbelgeschäfte tragen dazu bei, dass Haidhausen zu Recht als die „Antiquität unter den Münchner Vierteln“ bezeichnet wird.

„Kobolde, Dämonen, Fabelwesen, kleine Teufelchen, mythologische Figuren“, erzählt er, seien typisch für China und Japan, wo ursprünglich nichts nur zur Dekoration gefertigt worden sei. „Immer haben die dargestellten Szenerien eine spezielle Bedeutung, einen erzählerischen und mythologischen Hintergrund.“ Und dann verrät er ein weit verbreitetes Geheimnis unter Antiquitätenhändlern: „Inzwischen gibt es in Europa mehr an guter Ware als im Herstellungsland China selbst“, sagt Reichenmeier. „Heute kommen reiche Chinesen und kaufen in Europa die Artefakte ein, die vor Jahrhunderten im eigenen Land hergestellt und exportiert wurden.“

Zu seinem Viertel, mittlerweile ebenso wie seine Ware ein kostbares Kleinod, weiß Reichenmeier zu berichten: „Rund um meinen Laden wohnten einst Menschen mit wenig Geld und viel Interesse für die Nachbarn. Das hat sich nur zum Teil geändert. Noch in den 1980er-Jahren säumten den Wiener Platz Schuster, Schmiede und Kramerläden. Die Bedürfnisse haben sich geändert.

Wo einst der Bäcker war, ist jetzt ein Kosmetiksalon, aus der alten Hutmacherei wurde ein Modegeschäft. Heute trifft sich hier die neue Haidhausener Gesellschaft. Aber das Interesse an den Nachbarn spüre ich immer noch. Und zum Glück für mich, das Interesse für Antiquitäten aus aller Welt – und die Solvenz, sie sich leisten zu können. Die Leute kommen, schauen, schwatzen – und sie kaufen!“

Etwa die prachtvolle rote Tisch-Dose: China-Lack, fünfzig Schichten nach und nach aufgetragen, immer wieder getrocknet, und dann in die Schichten wieder hinein geschnittene Landschaften und Szenerien. „Chinalack ist ein Baumharz“, erklärt Reichenmeier, „und auch das gibt es eigentlich gar nicht mehr. Die Künstler gibt es auch nicht mehr, weil niemand sie dafür bezahlt. An so einer Dose hat einer ein paar Monate lang gesessen.“

Antiquitäten – ihr Markt ist und war auch immer ein Spiegel des allgemeinen Wohlstands. Reichenmeier, der seine Ware entweder von Privatleuten in den Laden getragen bekommt oder sie auf Märkten und in aufgelösten Privatvillen einkauft, restauriert und zum Teil auch in Kommission nimmt, ist also auch ein Zeuge deutscher und speziell Münchener Wirtschaftsentwicklung.

„Als das Wirtschaftswunder hier zu greifen anfing, Ende der 1950er, Anfang der 1960er-Jahre, gab es wieder Geld und es wurde wieder gesammelt“, erzählt er und streicht liebevoll über eine französische Kaminuhr aus dem 18. Jahrhundert. „Damals sammelte man geschnitzte Kerzenleuchter, klassische Münchner Schule, die berühmten Kühe am Starnberger See. Später wurde Zinn gesammelt, bemalte Bierkrüge aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit Zinndeckel.

„Antiquitätenhändler Reichenmeier beobachtet also nicht nur eine Verlagerung der Einwohnerstruktur ringsum in seinem Viertel, sondern auch eine Verlagerung der Geschmäcker und Interessen.“

Das ist vorbei, diese Sammler sterben jetzt weg, und wenn sie noch leben, sind sie satt und haben daheim alles zugestellt. Und wenn sie dann gestorben sind, übernimmt der Nachwuchs das Haus, behält vielleicht ein schönes Gemälde, und dann rufen sie mich, oder kommen zu mir und sagen, ‚das ist nicht mehr unser Stil, nehmen Sie es!‘“

Antiquitätenhändler Reichenmeier beobachtet also nicht nur eine Verlagerung der Einwohnerstruktur ringsum in seinem Viertel, sondern auch eine Verlagerung der Geschmäcker und Interessen. „Was zum Beispiel auch nicht mehr geht, ist die religiöse Volkskunst: die leidende Madonna oder Jesus am Kreuz. Eine fröhliche Putte oder eine glückliche Madonna kann man dagegen noch immer verkaufen.“

Der Kunde von heute sei nicht mehr der klassische Sammler wie damals, die jungen Leute sind eher Spontankäufer.

Den letzten Schub habe er nach der Wende erlebt, als noch einmal viel vom Osten herüberkam. „Da gab’s noch einen Hype, etwa für altes Spielzeug, Märklin-Blecheisenbahnen, Biedermeier-Möbel, Gemälde. Das war dann ein kurzer Ausverkauf.“ Der Kunde von heute sei nicht mehr der klassische Sammler wie damals, die jungen Leute, die nach Haidhausen ziehen, kommen herein, sagen: „Diese Bronze gefällt mir, dafür habe ich ein schönes Plätzchen in meiner Wohnung, oder dieser Jugendstil- Zeitungshalter, Wien um 1900, der macht sich schick bei mir.“ Die neuen Kundinnen und Kunden sind Spontankäufer.

Die Ära der klassischen Sammler ist also ebenso vorbei wie die der kleinen Handwerker und ihrer Häuschen ohne Strom und fließend Wasser. Aber es gibt sie noch: und vor allem eben in Haidhausen. Und auch der Antiquitätenhändler geht mit der Zeit und kauft und verkauft aktuell vor allem Schmuck („das geht immer und wird immer gehen“). Nur eines hat sich in all den Jahren nicht verändert: Eine Tasse Kaffee gibt es bei ihm immer extra.

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle, Sigi Müller

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