Monacensia

Münchnerischer geht es nicht mehr

„Monacensia“ – ein poetischer Name für das Literaturarchiv der Stadt. Übersetzt bedeutet er „Münchnerisches“ und könnte die Einzigartigkeit dieser Einrichtung nicht besser ausdrücken. Welch ein lebendiger, prachtvoller und international geschätzter Ort!

Die Monacensia im Hildebrandhaus ist weit mehr als eine Stadtbibliothek oder ein reines Literaturarchiv. Die prachtvolle Villa am Isarhochufer mit ihren Türmchen, knarzenden hölzernen Wendeltreppen und den hohen hellen Räumen bewahrt das Erbe von Münchner Autoren wie Thomas Mann oder Frank Wedekind, aber auch von Münchner Schauspielern wie Therese Giehse. Kreative und Experten diskutieren hier vor großem Publikum über Kunst oder Literatur und lesen aus ihren neuen Büchern vor.

Gleich im Parterre findet sich ein unbezahlbarer Schatz: Oskar Maria Grafs Exilschreibtisch aus New York mit einer im Inneren versenkbaren Schreibmaschine. Überall am Holz kleben kleine Zettel voller deutscher Adressen, daneben hängen Schwarz-Weiß-Postkarten mit Trachtlern und dem Starnberger See. Sie führen vor Augen, wie groß die Sehnsucht des von den Nazis vertriebenen Schriftstellers nach seiner Heimat gewesen sein muss. Wenig weiter ist der Abschiedsbrief der Autorin Lena Christ ausgestellt, die sich mit Zyankali das Leben nahm. Außerdem: eine Speisekarte, aus der hervorgeht, wie die Stadt München 1919 den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann im Rathaus feierte – bei Krebsschwänzen, Vogelnestersuppe und Käsestangen.

Unten im Keller lagern wertvolle Stücke bei 14 Grad in schweren Rollregalen. Dort finden sich zahllose Originaldokumente mit handschriftlichen Notizen der Autoren und Schauspieler, ebenso komplette Nachlässe dieser Kreativen und auch Überraschendes wie die Handschuhe des Schriftstellers und Hobby-Torwarts Albert Ostermaier. Wer diese Dokumente in Händen hält, reist zurück in eine andere Zeit und beginnt zu verstehen, in welchem geschichtlichen und persönlichen Zusammenhang weltbekannte Werke entstanden sind.

Die Flügeltüren der Villa stehen allen Interessierten offen: den Kaffeetrinkern, die im Glasanbau des „Café Mon“ einfach mal entspannt lesen wollen, den Studenten, die etwas Handschriftliches sehen möchten, den Schriftstellern und denen, die es noch werden möchten, sowie allen Touristen, die München besser kennenlernen und sich im wunderbar hellen Café unterhalten wollen. Nicht selten kommt man dort mit einem Münchner Autoren ins Gespräch, der hier gerade mitten in der Arbeit steckt.

Sie sind es, die in der Monacensia im Mittelpunkt stehen. Denn neben der „Bibliothek der Familie Mann“ gibt es auch eine eigene „Bibliothek Münchner Autorinnen und Autoren“, die den Schreiberlingen der Stadt gewidmet ist. Wenn ein Münchner ein Buch auf den Markt bringt, darf er es für drei Jahre in die Regale dieser Bibliothek stellen, wo Interessierte stöbern und die Werke auch nach Hause ausleihen können. Dort finden sich bekannte Autoren wie Hans Pleschinski („Königsallee“) neben Journalisten wie Veronika Beer und Stefanie Gentner, die mal nebenbei etwas Kreatives veröffentlichen („Glücksorte in München“).

Die Monacensia ist das literarische Gedächtnis der Stadt München. Nirgendwo könnte sie ihre Werke in schönerem Rahmen präsentieren als im Hildebrandhaus von 1898, das selbst ein Stück Kunst und Geschichte ist. Das Turmzimmer mit gemalten Zitronen an der Decke bietet einen herrlichen Ausblick auf die Stadt. Früher lebte hier der Bildhauer Adolf von Hildebrand mit seiner Familie, der den Wittelsbacherbrunnen am Lenbachplatz und den Vater-Rhein-Brunnen am Deutschen Museum schuf. In seiner Künstlervilla entstanden hinter den riesigen Toren zum Atelier die fantastischen Brunnenskulpturen, die einst mit Pferdegespannen an ihren endgültigen Platz durch die Stadt transportiert wurden. Nun sind alte und neue Bücher zu Hause; der Charme der Gründerzeit ist geblieben.

 

 

Foto: Frank Stolle

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