Foto von der jungen Schauspielerin Annika Neugart aus dem Ensemble der Münchner Kammerspiele in schwarzer Lederjacke vor einem weißen Hintergrund.

Absolute Beginners: Schauspielerin Annika Neugart

Die Gretchenfrage

Unsere Autorin ist Fan der Münchner Kammerspiele und hat dort eine vielversprechende junge Schauspielerin entdeckt, die sie hier vorstellen möchte: Annika Neugart. Bei einem „Meet & Greet“ erfährt sie von Annika, wie sie zur Schauspielerei kam, deren Traumrolle, und ob man heutzutage noch immer das Gretchen spielen können muss. Als Highlight zum Schluss darf sie noch für ein paar unvergessliche Augenblicke mit auf die Probebühne.

Der Anruf kam im Urlaub. Freunde fragten, ob sie bei mir in München übernachten könnten, sie hätten einen interessanten Radiobeitrag gehört über ein Stück in den Münchner Kammerspielen. Mit Samuel Koch als Wallenstein. Der damals bei „Wetten dass ...?“ verunglückt ist. Sie würden mir auch gerne eine Karte mit besorgen.

Im Urlaub möchte man nach dem Urlaub alles besser machen. Intensiver leben, dem Geist wieder mehr Nahrung geben. Ich willigte unbesehen ein. Zurück in München stellte ich erschrocken fest: Das Stück dauert sieben Stunden! SIEBEN STUNDEN WALLENSTEIN! Das stehe ich nicht durch, bei aller Liebe zum Theater, dachte ich, so lange still sitzen, da kriege ich das Restless-Legs-Syndrom. Zu spät, die Karte war gekauft, die Freunde im Anmarsch. Und, was soll ich sagen: Es wurde ein so mitreißendes und über all die Stunden fesselndes Theatererlebnis, wie ich es selten erlebt habe. Nicht von ungefähr wurde diese Produktion 2026 als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum zum Theatertreffen in Berlin eingeladen.

Meine Entdeckung des Abends war die junge Schauspielerin Annika Neugart, die die Rolle des Max Piccolomini aus dem Gefolge Wallensteins spielte. Auf dem Bild sieht man sie im Stück hinter Samuel Koch als Wallenstein, wie sie in einer Art Russendisko auf den Tischen tanzt. Unglaublich, wie sie die in der Rolle angelegte Anspannung des jungen Offiziers, hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Pflichtgefühl, der Liebe und dem Kriegsgeschäft, über Stunden aufrecht erhielt. Auch in leisen Momenten noch bis in die kleinen Finger vibrierte. Um dann wieder volle Kanne am Bühnenrand abzutoben. Von ganz zart bis Rampensau. Und damit bestens aufgehoben in einem Ensemble, das von Haus aus hundert Prozent gibt und an diesem Abend zum Teil so provokant auftrat, dass das Publikum – das soll so, das ist gut so – stellenweise ein wenig überfordert, überrumpelt und peinlich berührt war.

Und, als wäre das nicht schon genug, singt sie ganz wunderbar, zum Beispiel als Therese Giehse in „Play Auerbach“, einer Revue, die ich mir ein paar Tage später dann auch gleich angesehen habe. Ich freue mich daher sehr, als sie sich bereit erklärt, sich mit mir zu verabreden. 

Bestens aufgehoben in einem Ensemble, das von Haus aus hundert Prozent gibt und an diesem Abend zum Teil so provokant auftrat, dass die Zuschauer – das soll so, das ist gut so – stellenweise ein wenig überfordert, überrumpelt und peinlich berührt waren.

Wir treffen uns am Spätnachmittag in der Kantine der Kammerspiele, ich in schwarzem Rolli, Annika in Adidas. Beim Fototermin im Innenhof stürzt Maxi Schafroth, der Kabarettist und ehemalige Fastenprediger auf dem Nockherberg, auf Annika zu und outet sich ebenfalls als großer Fan. Schon mehrfach habe er wegen eines gemeinsamen Theaterprojekts bei ihr „an der Tür gekratzt“. Aktuell führt er an den Kammerspielen Regie bei seinem Improvisationstheater-Projekt „Wachse oder Weiche“. Kurzes Fan-Picture, dann ist er wieder weg, und uns bleibt noch eine gute halbe Stunde Zeit bis zur Probe.

Begonnen hat Annikas noch junge Karriere 2020 beim Vorsprechen an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule. Drei unterschiedliche Monologe waren verlangt, erinnert sie sich, und dass sie ziemlich naiv in das Vorsprechen hineingestolpert sei. Ein Glück, dass sie dadurch nicht groß dazu kam, nervös zu werden. Jetzt hier, mir gegenüber, strahlt sie eine professionelle Souveränität aus. (Total geerdet, denke ich, so ganz anders als wir damals in der Theaterwissenschaft, wo alle immer irgendwie durch den Wind waren, immer auf der Suche nach sich selbst oder einem Therapieplatz.) Den ersten, den modernen Monolog, „so 'ne Gaga-Frau“, sucht sie sich schnell aus einem Buch mit Theatermonologen, den ebenfalls verlangten, selbstgeschriebenen zweiten, verfasst sie noch hastig im Zug nach München.

Auf die dritte, die klassische Rolle, ist sie heute noch stolz, das Vorspielen erinnert sie als „tatsächlich ein bisschen edgy“. Sie wählt eine Szene aus Shakespeares Komödie „Was Ihr wollt!“, in der der eitle und selbstgerechte Haushofmeister Malvolio sich bis auf die Knochen blamiert. Man macht ihn glauben, seine Herrin habe ein Auge auf ihn geworfen. Eilig kommt er deren vermeintlicher Aufforderung nach, lächelnd und in gelben Frauenstrümpfen zu erscheinen, um so ein Zeichen seiner erwiderten Liebe zu setzen. Annika findet es spannender, anstelle von Malvolio in die Rolle der Zofe Maria zu schlüpfen, die seinen blamablen Auftritt zur Belustigung ihrer Freunde nachäfft. Das muss wohl sehr gut angekommen sein, denn sie besteht die Aufnahmeprüfung. 

Wenn man etwas vorspielt und dann wissen will „Wie war ich?“, aber da kommt nichts. Damit hat auch sie phasenweise zu kämpfen gehabt.

Wie 30 Jahre zuvor auch Joachim Meyerhoff, Schauspieler und ebenfalls Falckenberg-Absolvent, der seine Aufs und Abs an der Schauspielschule in seinem kürzlich verfilmten Coming-of-Age-Roman „Die Lücke, diese entsetzliche Lücke“ beschreibt. Dass es dort nicht immer nur „Happy Life mit lustigen Aufgaben" war, findet auch Annika. Was bei dem Meyerhoff-Film für sie ziemlich gut herüberkommt, ist das Gefühl, vor allem am Anfang des Schauspielstudiums extrem auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Nicht wirklich zu wissen, was von einem verlangt wird, wenn man etwas vorspielt und dann wissen will „Wie war ich?“ – aber da kommt nichts. Damit hatte auch sie phasenweise sehr zu kämpfen. Im Nachhinein schätzt sie aber sehr, dass sie auf diese Weise zu einem sehr selbständigem Spiel gefunden hat und bei der Entwicklung einer eigenen Künstlerpersönlichkeit unterstützt wurde. 

Hatte sie damals eigentlich auch einen Plan B, falls aus der Schauspielerei nichts geworden wäre? „Jein", überlegt sie kurz, „höchstens Gesang“, aber das sei nun mal nicht wirklich weit entfernt von der Schauspielerei. „Das ist alles, was ich kann und was mir Spaß macht“, resümiert Annika und lacht.

Sicher ist es nicht immer der reine Spaß, sondern auch ziemlich fordernd für alle Beteiligten. Für den Körper und die Psyche. Wie schafft man es, Distanz zu halten zu den extremen Figuren, die sie zum Teil verkörpern müssen. Wie, von der Bühne anschließend wieder in ihren Alltag zurückzukehren. Wie schafft Annika das alles?

„Es klingt ein bisschen paradox, wenn ich sage, ich gehe da in eine Ruhe“, sagt sie und gibt sich Mühe in Worte zu fassen, was sich nicht so leicht erklären lässt. „Ich gehe mit Ruhe an die Sache heran und versuche meinen Figuren immer mit einer großen Ernsthaftigkeit zu begegnen, sie nicht zu rationalisieren, aber für mich so runterzubrechen, dass ich sie als wirkliche Person anfassen kann. Ich spiele hier ja viele Personen mit extrem großen Problemen. Meine Darstellung auf der Bühne resultiert daraus, dass ich deren Probleme und Konflikte so ernst nehme, dass es dann überhaupt keinen anderen Ausweg gibt, als sie auf diese eine bestimmte Art zu spielen. Dass sich mein Spiel, der Modus, die ganze Energie zwingend daraus ergibt.“ 

Lang dachte sie in Richtung Berlin, viele ihrer Freund*innen sind da, aber mittlerweile findet sie es hier viel schöner.

Und wie kommt sie dann nach so einem Marathon wie dem Wallenstein wieder runter? Sie versucht einfach, so normal wie möglich zu bleiben. Nicht allzu viel Aufhebens davon zu machen. Natürlich sei es manchmal lang und anstrengend und man sei etwas „hyper“ danach, alles keine Frage, aber sich in irgendetwas reinzusteigern, so zu tun, „als wäre das gerade die ganz große Wissenschaft gewesen“, findet sie doof. Oft geht sie nach der Vorstellung noch mit auf ein Getränk in die Kantine. Und ja, am Tag danach, sei sie meistens schon ein bisschen „zerquetscht“.

Erfreulicherweise hat sie mit dem Engagement an der „Kammer“ jetzt auch mehr Zeit und Muse, München als Stadt für sich zu entdecken. Lang dachte sie in Richtung Berlin, viele ihrer Freund*innen sind da, aber mittlerweile findet sie es hier viel schöner. Von Bogenhausen, wo sie wohnt, spaziert sie gerne rüber nach Haidhausen und auch im Gärtnerplatz- und Glockenbachviertel ist sie gerne unterwegs. Dann und wann unternimmt sie, die von sich sagt, sie habe die Tendenz zur Stubenhockerin, auch mal einen Ausflug raus aus München an den Starnberger See oder ins Murnauer Moos.

Dann erzähle ich Annika eine kurze Anekdote aus meinem Leben. Ich hatte nämlich auch mal vor, mich an einer Schauspielschule zu bewerben, und wollte mich mit Hilfe einer in unserer Gegend bekannten, älteren Schauspiellehrerin darauf vorbereiten. Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und vereinbarte einen Termin bei ihr. Ich klingelte, sie öffnete die Tür und bat mich herein. Noch im Hausflur stehend musterte sie mich von oben bis unten, dann sagte sie: „Kindchen, Kindchen, wie willst Du denn jemals das Gretchen spielen?“

„Kindchen, Kindchen, wie willst Du denn jemals das Gretchen spielen?“

„Ah ja, jaja, ja klar! Die Gretchen-Frage, der Klassiker!“ bricht es aus Annika heraus. Sie hört immer wieder von Frauen, die schon länger auf der Bühne stehen, dass sie mit solchen Dingen konfrontiert wurden. Vor 20 Jahren wäre ihr das wohl auch passiert, aber was ihren kleinen Erfahrungshorizont angehe, seien diese Zeiten glücklicherweise vorbei. – Wirklich? – Naja, in diese Richtung sind ihr auch schon Sachen passiert. Was sie davon hält, macht sie unmissverständlich klar: „Ich finde das superlangweilig und mit so etwas möchte ich mich nicht befassen, weil ich denke, die Leute beschneiden sich einfach um Seh-Erfahrungen. Und das interessiert mich nicht, ob jemand sich an meinem Körper oder meinem Auftreten stört, das finde ich kleinkariert und peinlich für diese Leute selbst.“

Rollenangeboten gegenüber ist Annika aufgeschlossen. Ob eine Figur ihr taugt, das zeigt sich ohnehin oft erst in der Probenarbeit. Der Max im Wallenstein zum Beispiel, schwärmt sie, hat sich für sie zu einer absoluten Traumrolle entwickelt. Nackt im Schleim, wie bei dem Stück „Glitsch“ , einer weiteren Produktion der Kammerspiele, das muss sie nicht unbedingt haben. Und darauf werde auch Rücksicht genommen. Wenn sie in der „Schleimproduktion" gelandet wäre, hätte sie sicher die Möglichkeit gehabt, zu sagen: „Leute, ich glaube, ich kann das nicht.“ Das seien dann persönliche Grenzen, wo niemand einfach sagen kann: „Doch, du ziehst dich jetzt aber mal gefälligst aus.“

Und welche Rollen liegen ihr besonders? Was wäre eine Traumrolle? Mit der Antwort lässt sie etwas auf sich warten. Verständlich, nach einem knappen Jahr als Profi auf der Bühne lässt sich das sicher nicht auf die Schnelle sagen. „Wahrscheinlich gibt es diese Rolle, aber ich kenne sie einfach noch nicht.“, antwortet sie schließlich. Die Leute fänden, sie könne sehr gut starke, toughe Frauen spielen. Aber dann wird sie doch konkret: Medea, sie fände es interessant, irgendwann einmal die Medea zu spielen. Ich drücke ihr ganz fest die Daumen, dass sich dieser Wunsch erfüllt, hier in München oder auf einer anderen großen Bühne. Denn das wäre sicher ein ganz starkes Stück: Annika Neugart als Medea.

„Die Leute beschneiden sich einfach um Seh-Erfahrungen. Und das interessiert mich nicht, ob jemand sich an meinem Körper oder meinem Auftreten stört, das finde ich kleinkariert und peinlich für diese Leute selbst.“

Ja, und das gemeinsame Aufwärmtraining am Schluss? Wie war ich? Glücklich und zufrieden. Auf der Probebühne singen wir ganz klassisch Tonfolgen nach: „Ma, me, mi, mo, mu.“ Es fühlt sich super an, den Mund weit zu öffnen und laut zu tönen. Die Bewegungen dazu ergeben sich nicht gerade wie von selbst, aber ich komme mir auch nicht allzu linkisch vor, als ich probeweise mal ein Bein hebe oder einen Arm nach vorne ausstrecke. Einige laufen oder hüpfen, eine Schauspielerin begibt sich beim Singen sogar in den Unterarmstütz oder „Plank“, wie man heutzutage sagt. Annika macht, was immer ihr in den Sinn kommt; ich dagegen kann mich nicht davon lösen, wie ich nach außen wirke. Schließlich singt sich das Ensemble in unerreichbare Höhen. Zeit für mich am Ende, die Bühne wieder den Profis zu überlassen. 

 

 

Über Annika Neugart

Annika Neugart, geboren 2001, wuchs in der Nähe von Freiburg auf. 2020 trat sie ihr Schauspielstudium an der Otto-Falckenberg-Schule an. Während des Studiums war sie bereits in Produktionen am Münchner Volkstheater, an den Münchner Kammerspielen und am Staatstheater in Cottbus zu sehen. Zur Saison 2024/25 wurde sie ins feste Ensemble der Münchner Kammerspiele übernommen. Mit der Produktion Wallenstein, in der sie die Rolle des Max Piccolomini spielt, trat sie im Mai 2026 im Rahmen des Berliner Theatertreffens auf. 

 

 

Text: Karoline Graf; Fotos: Armin Smailovic, Julian Baumann, Frank Stolle
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