Blick in einen Orchestergraben mit einem großen Klavier in München.

Ein Streifzug durch die Klassik

Münchens musikalische Geschichte

Ein historischer Streifzug durch die Musikphänomene des frühen 14. Jahrhunderts bis heute – erzählt anhand von legendären Auftritten und konkreten Orten, an denen Musik- und Stadtgeschichte geschrieben wurde.

Dass München einmal Bayerns Hauptstadt sein würde, daran hat lange Zeit niemand gedacht. Der für München zuständige Bischofssitz im frühen 13. Jahrhundert war nämlich Freising – hier entstanden die ersten Kirchengesänge, die als älteste Quelle für die bayerische Musiktradition gelten. Münchens Hauptkirche St. Peter unterhielt damals eine Schule, in der Sängerknaben ausgebildet wurden. Frauen durften nämlich in der Kirche nicht singen, und so mussten die hohen Stimmlagen von Knaben übernommen werden. Von der Art des heutigen Musiklebens war man damals freilich noch weit entfernt.

Ab dem 14. Jahrhundert gibt es erste Berichte über höfische Feste, vor allem Hochzeiten, die eine zunehmend weltlich-luxuriöse Musikkultur ermöglichten. Vor allem die zahlreichen Ehebünde zwischen den bayerischen Herzögen und den Habsburgern brachten die Entwicklung in Schwung und zogen Musiker von auswärts nach München. Musiker waren damals noch fahrendes Volk, sie wurden für ein Ereignis engagiert und zogen danach weiter. Erst seit dem späten 15. Jahrhundert, seit Herzog Siegmund und vor allem Albrecht IV., gab es Möglichkeiten einer Festanstellung für Musiker in München. Nämlich in den neu gegründeten Hofkapellen, die allerdings je nach Wirtschaftslage auch schnell wieder aufgelöst werden konnten.

Einer der historisch wichtigsten Tage für die Münchner Musikgeschichte war und ist sicherlich der Tag, an dem der große Roland de Lassus, bekannter als Orlando di Lasso, die Musikbühne Münchens betrat. Johann Jakob Fugger hatte ihn aus Antwerpen als Tenorsänger an den Münchner Hof Herzog Albrechts V. geholt. Lassos Ernennung zum Hofkapellmeister 1563 erwies sich schließlich als ein historischer Glücksgriff. Er wurde neben dem römischen Komponisten Palestrina der bedeutendste Musiker seiner Zeit und machte München mit einem Schlag zum musikalischen Zentrum Europas – was damals bedeutete: der Welt. Lasso komponierte zwar auch jede Menge geistliche Musik, aber im Gegensatz zu Palestrina nicht ausschließlich.

Heute gehören die Lasso-Kompositionen zu den Prunkstücken der Bayerischen Staatsbibliothek, auch wenn der Komponist Orlando di Lasso der breiten Öffentlichkeit kaum noch ein Begriff ist. Sein Denkmal am Promenadenplatz wurde übrigens nach dem Tod von Michael Jackson von dessen Fans kurzerhand in ein Denkmal für den Popsänger umdekoriert. In Gottesdiensten der Theatinerkirche kann man allerdings bis heute neben Messen von Palestrina auch Musik von Lasso live erleben. Lasso besaß ein Haus am Platzl und einen Landsitz in der Nähe von Fürstenfeldbruck.

Münchens Hauptkirche St. Peter unterhielt im 13. Jahrhundert eine Schule, in der Sängerknaben ausgebildet wurden. Frauen durften nämlich in der Kirche nicht singen, und so mussten die hohen Stimmlagen von Knaben übernommen werden.

Die weltliche Musik erlebte Höhepunkte erstmals zur Faschingszeit im neuen Opernhaus am Salvatorplatz, das 1657 eröffnet wurde. 1775 konnte der 19-jährige Wolfgang Amadé Mozart hier seine Oper „La finta giardiniera“ uraufführen. Es stand ungefähr auf dem Platz des heutigen Literaturhauses und wurde 1802 abgerissen. Geplant wurde es unter der Regentschaft von Ferdinand Maria von Bayern als Hofoper – es war das erste Opernhaus Deutschlands.

München verfügte bald über vier Spielstätten für Musiktheater. Neben dem Salvatortheater waren das: ab 1719 das Hecken- oder Gartentheater, ab 1723 das Theater in Nymphenburg und ab 1740 das Logentheater im St.-Georgs-Saal der Residenz. Auch diese Bühnen waren dem finanziellen Wechsel der Zeiten unterworfen. Der Spanische Erbfolgekrieg unter Maximilian II. Emanuel hinterließ seine Spuren, ebenso der spätere Österreichische Erbfolgekrieg während der Regentschaft Karl Albrechts. Doch sobald wieder Geld vorhanden war, gab es auch wieder große Feste mit Musik und die bald legendären Faschingsopern. Unter Maximilian III. wurde München so zu einem Zentrum der italienischen Oper.

Neben der Hofmusik und der aufstrebenden bürgerlichen Musikkultur bestand natürlich weiterhin eine starke kirchenmusikalische Tradition. Sie wurde in den 35 Kirchen und 17 Klöstern der Stadt fortgeführt, weiterhin bestimmt von der Programmatik der Gegenreformation in den neuen Hauptkirchen St. Kajetan, der Frauenkirche und der Jesuitenkirche St. Michael mit ihrer Ausbildungsstätte für den musikalischen Nachwuchs, an der auch Orlando di Lasso unterrichtet hatte.

Die Säkularisierung setzte dieser Tradition ein plötzliches Ende, mit dem Einsetzen der Restauration ab 1816 dominierten unter Leitung von Carl Ett Werke der klassischen Vokalpolyphonie wie etwa von Orlando di Lasso und Johann Joseph Fux sowie Werke der Wiener Klassik, vor allem von Johann Michael Haydn, dem jüngeren Bruder Josephs und Freund Mozarts. Gleichwohl war es eine Zeit fundamentaler Umbrüche und Entwicklungen.

1800 wurde die neue evangelische Hofkirche eingeweiht, 1826 eine neue Synagoge, 1829 weihte die griechisch-orthodoxe Gemeinde ihre heute noch als solche bestehende Salvatorkirche am Salvatorplatz ein. 1806 wurde Kurfürst Maximilian IV. Joseph von Napoleon Bonaparte zum König von Bayern erhoben, gleichzeitig erlebte man das Ende des höfischen und den Aufstieg des bürgerlichen Musiklebens. Die napoleonischen Kriege heizten diese Entwicklung an. Damit einher gingen nationale Bestrebungen, die einst zentrale italienische Oper wurde zugunsten der deutschen zurückgedrängt, die gerade erst entstand.

Ludwig I. griff mit seinem Regierungsantritt 1825 energisch ins Kulturleben ein, verbot die italienische Oper, löste das erst 1811 entstandene Volksschauspiel am Isartor auf, bei dem Volksstücke und Singspiele, vornehmlich von Wiener Komponisten, aufgeführt worden waren. 1831 wurde auch das Residenztheater geschlossen, wurde später ab 1856 aber wiederbelebt als Spielstätte von Mozart-Opern und für das Schauspiel.

Zunächst jedoch blieb als einzige offizielle Bühne das Hof- und Nationaltheater, das 1818 eröffnete. Die Hofmusikkapelle, das Staatsorchester, war inzwischen qualitativ stark abgesunken. Wieder einmal war es ein Einzelner, der die Sache wieder nach vorne brachte: Der Komponist und Dirigent Franz Lachner wurde 1836 zum Münchner Hofkapellmeister und 1852 zum hiesigen Generalmusikdirektor berufen.

Lachner sorgte nicht nur dafür, dass die Klassiker ihre Bedeutung behielten, sondern dass auch Neues gebührenden Platz fand. Zum zeitgenössischen Opernrepertoire gehörten nun auch die Werke Richard Wagners, die unter der Leitung von Franz Lachner erstmals in München erfolgreich aufgeführt wurden. Und dies, obwohl Lachner dem Kollegen durchaus kritisch gegenüberstand. Erst als Ludwig II. Wagner nach München holte und 1867 auch Hans von Bülow als Hofkapellmeister, verabschiedete sich Lachner vorzeitig in den Ruhestand.

Doch Münchens Ruf als Opernstadt wuchs seit dieser Zeit zur Weltgeltung. München galt nun als Zentrum der Wagner-Pflege. Seine Opern „Tristan und Isolde“ (1865) und „Die Meistersinger“ (1868) wurden hier uraufgeführt. Immerhin sollte das Wagnertheater ja ursprünglich nicht auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, sondern auf dem Isarhochufer von München errichtet werden.

1948 sorgte die Uraufführung von Egks „Abraxas – Ein Faust-Ballett“ im Prinzregententheater für einen der größten bayerischen Kunstskandale. Aber nicht etwa wegen Egks Verstrickung in die NS-Politik, sondern wegen des für konservative Politiker anstößigen Inhalts und entsprechender für damalige Verhältnisse freizügiger Darstellungsformen.

Auch die heutigen Opernfestspiele wurden in dieser Zeit gegründet. Ab 1875 gab es den sogenannten Festsommer, der im Wesentlichen den Werken Wagners, Mozarts, ab 1910 auch den Opern von Richard Strauss, gewidmet war. Zusätzlich gab es damals noch im Cuvilliés-Theater ein reines Mozart-Festival. Hauptvertreter der bisweilen als „Münchner Schule“ des 19. Jahrhunderts bezeichneten Komponisten waren: Richard Strauss, Ludwig Thuille, Friedrich Klose, Max von Schillings und Hans Pfitzner.

Der Erste Weltkrieg änderte auch in den Kunstentwicklungen Wesentliches, erfolgversprechende Entwicklungen waren unterbrochen, zaghafte neue Ansätze brachen sich Bahn. Der bedeutendste Münchner Komponist der Zwischenkriegszeit bleibt dennoch weiterhin Richard Strauss, andere kommen hinzu wie etwa, mit deutlichem Abstand, Carl Orff. Ersterer konnte sich nach dem internationalen Erfolg seines „Rosenkavalier“ eine Villa im damals mondänen Garmisch leisten, Letzterer zog sich in den 1930er-Jahren nach Dießen am Ammersee zurück.

Während der NS-Zeit war vor allem der Wahlmünchner und Orff-Schüler Werner Egk aktiv, als Dirigent beim Bayerischen Rundfunk, später auch als Kapellmeister der Berliner Staatsoper Unter den Linden und Leiter der Fachschaft Komponisten bei der Staatlichen Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte. Von Egks Oper „Peer Gynt“ waren Goebbels und Hitler begeistert.

1948 sorgte die Uraufführung von Egks „Abraxas – Ein Faust-Ballett“ im Prinzregententheater für einen der größten bayerischen Kunstskandale. Aber nicht etwa wegen Egks Verstrickung in die NS-Politik, sondern wegen des für konservative Politiker anstößigen Inhalts und entsprechender für damalige Verhältnisse freizügiger Darstellungsformen. Während das Publikum das Stück feierte, verbot CSU-Kultusminister Alois Hundhammer weitere Aufführungen. In der Presse und im Bayerischen Landtag wurde die Causa heftig diskutiert.

Zeitlich zwischen Nationaltheater und Prinzregententheater entstand eine dritte Opernspielstätte: das Gärtnerplatztheater, das 1865 als privat finanziertes Volkstheater eröffnet und 1873 zur königlichen Bühne erhoben wurde, es widmete sich ganz der Operette. Heute wird dieser Bereich dort neben einem Repertoire an Oper, Ballett und Musical immer noch abgedeckt. Das Nationaltheater als eine der Spielstätten der Bayerischen Staatsoper konzentriert sich auf klassische Oper vom Barock bis in die Gegenwart und Ballett, dazu sinfonische Konzerte und während der Festspielzeit auch Liederabende.

München beherbergt seit jeher aber auch wichtige Ausbildungsstätten. 1830 wurde die Central-Singschule gegründet. 1846 folgte die Gründung des Königlichen Conservatoriums für Musik, die spätere Musikhochschule und heutige Hochschule für Musik und Theater. Sie befindet sich an der Arcisstraße im vormaligen Führerbau der NSDAP. Dazu kommen heute Außenstellen an der Luisenstraße 37 mit der Reaktorhalle und dem Carl-Orff-Auditorium als Spielstätten, an der Wilhelmstraße (Ballettakademie), im Prinzregententheater (Aufbaustudiengänge) und im Kulturzentrum Gasteig.

Eine zweite Ausbildungsstätte war lange Zeit das städtische Richard-Strauss-Konservatorium, das jedoch 2008 in die Hochschule integriert wurde. Eine weitere akademische Forschungs- und Ausbildungsstätte ist das Institut für Musikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität an der Ludwigstraße, das seit 1894 besteht. Sein Hörsaal befindet sich im dritten Stock, von wo aus die Flugblätter der NS-Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ in den Lichthof geworfen wurden, was zur Verhaftung und Hinrichtung ihrer Mitglieder führte. Darunter war auch der am Musikwissenschaftlichen Institut lehrende Professor Kurt Huber, der auf dem Waldfriedhof in München-Hadern begraben liegt.

Heute bestimmen eine Vielzahl von professionellen und halb professionellen Ensembles und Chören die Qualität des Münchner Musiklebens: Die städtischen Münchner Philharmoniker, der Philharmonische Chor, das Bayerische Staatsorchester an der Oper mit Opernchor, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Rundfunkorchester, der Rundfunkchor, die Münchner Symphoniker und mehrere kleinere Orchester, Chöre und Alte-Musik-Ensembles, Kirchenmusikvereine, Singkreise – insgesamt mehr als 400 musikalische Vereine gibt es in München. Dazu kommen neue Präsentationsformen klassischer Musik, um die sich insbesondere der Bayerische Rundfunk mit seinen Klangkörpern bemüht.

Aus den anfänglichen Versuchen auf dem Königsplatz wurde das inzwischen institutionalisierte Klassik-Open-Air am Odeonsplatz, bei dem sich sowohl das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks als auch die Münchner Philharmoniker mit ihren Chefdirigenten und erstrangigen Solistinnen und Solisten Jahr für Jahr den Einheimischen und Gästen präsentieren.

 

 

Text: Helmut Mauró; Fotos: Frank Stolle
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Le torri della Frauenkirche di Monaco di Baviera fotografate dall'alto.

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