Eine frisch gezapfte Halbe, ein Tisch, Gesellschaft, zunehmend absurde Gespräche: Warum das bayerische Wirtshaus der letzte funktionierende Resonanzraum ist.
Der Spruch, der das bayerische Gemüt sehr gut auf den Punkt bringt, lautet: „Die Berge von unten; die Kirche von außen; das Wirtshaus von drinnen!“ Natürlich schätzt man in Bayern die alpine Kulisse. Aber dieses nervöse Hinaufrennen ist dann doch eine Erfindung der Zugezogenen. Und natürlich erkennt man die ordnungsstiftende Kraft der Kirche und ihre Seelsorge an. Aber ehrlich gesagt ist das abschließende „Gehet hin in Frieden“ dann doch immer herbeigesehnt. Der einzige Ort, an dem die Menschen aus Bayern immer sein möchten, ist das Wirtshaus. Es ist gleichermaßen bayerische Grundeinstellung wie – in den unglücklichen Stunden, in denen man nicht da ist – Sehnsuchtsort. Und einer, der außerhalb von Bayern in seiner Funktion und seinen Regeln erklärungsbedürftig ist.
Man darf ein Wirtshaus zum Beispiel nicht mit einem Restaurant verwechseln. Natürlich spielt in ersterem auch feste Nahrung eine gewisse Rolle. In der Regel beschränkt sich das jedoch auf einige wenige Gerichte, vor allem den sonntagmittags servierten Schweinsbraten; in den großen Münchner Wirtshäusern kommen noch die Spezialitäten aus der Kesselküche – Tellerfleisch, Innereien, Selchfleisch – hinzu. Ein Wirtshaus exzellenten Rufs wird natürlich an seiner Küche gemessen. Diese spielt jedoch die zweite Geige.
Im Zentrum steht nämlich immer das Bier. Und daraus resultiert eine ganz eigene Art der Gemeinschaft. Wer ins Restaurant geht, will essen. Und das passiert in der Regel in vordefinierter Runde, man bleibt unter sich. Im Restaurant ist es eher die Ausnahme, dass mit anderen Tischen mehr ausgetauscht wird als flüchtige Blicke. Ganz anders im Wirtshaus oder, in Reinform: in der Schenke. Dieses Soziotop betritt man als Einzelperson – selbst wenn man in einer Gruppe kommt. Und vor allem heißt das: Man trinkt nie allein. Und dieses Trinken, diese Form der Vergesellschaftung schwingt in einem ganz eigenen Takt.
Auf den ersten Blick könnte das Wirtshaus wie ein etwas rauer Ort wirken. Die Bedienungen kultivieren einen herben Zungenschlag („Wissma's scho?“), die Stammgäste taxieren diejenigen, die neu eintreten. Aber wie falsch wäre es, darin etwas Feindseliges zu sehen. Denn das Grundgesetz des Wirtshauses, die Regel, die immer sticht, wie der Eichel-Ober beim Schafkopf, ist das bekannte „Hock di hera, samma mehra“. Während es in Restaurants einen kleinen Affront darstellt, wenn man schon Sitzende fragt, ob noch ein Platz am Tisch frei ist (oft wird das gewährt, aber nur mit Überwindung!), besteht im Wirtshaus quasi ein Dazusetzgebot. Diese eingeborene Xenophilie derer, die im Wirtshaus sitzen, hat durchaus egoistische Züge. Ihr zugrunde liegt ein solides Interesse: Je mehr in der Stube sind, umso mehr Möglichkeiten zu Gesprächen gibt es, umso gemütlicher – was in Bayern so viel heißt wie: interessanter – wird es also. Das Bier verlangt nach Austausch. Der einsame Suff ist keine schöne Sache, aus ihm folgt nichts Gutes.
Besser, gesünder und vor allem unterhaltsamer ist da also der Austausch. Da die Gespräche mit steigendem Bierkonsum auch immer lauter werden (quasi eine Notwendigkeit, weil die anderen in der Stube ja auch so laut sind), bekommen neue Gäste sowieso schnell mit, worum es gerade geht. Mit einem kurzen Augenkontakt und einem darauffolgenden „Oder? Ist doch so!“ werden sie zum Gespräch geladen. Da diese Einladung aber in alle Richtungen ausgesprochen wird, befinden sich die Gäste schnell im sanft wogenden Wellengang unterschiedlichster Unterhaltungen.
Während es in Restaurants einen kleinen Affront darstellt, wenn man fragt, ob noch ein Platz am Tisch frei ist, besteht im Wirtshaus quasi ein Dazusetzgebot.
Und selbst wenn man gar nicht trinkt oder beim alkoholfreien Bier bleibt, wird man in diese Wirtshauswallungen hineingezogen, ist die Stimmung doch so ausgelassen, dass man selbst stocknüchtern eine gewisse Rauschhaftigkeit verspürt. Dabei stehen einige Themen einem Naturgesetz gleich wie Felsen in der Brandung: Geschichten über die verhasste Ordnungshuberei („Kürzlich hat in einer Wirtschaft eine Kegelbahn schließen müssen, weil die keinen Notausgang hatte.“ – „Ah geh, so ein Schmarrn!“), Bayern und die Sechzger sowie zu schnelle Radlerinnen und Radler an der Isar. Was der Soziologe Hartmut Rosa Resonanz nennt – jenen Zustand, in dem der Mensch nicht mehr gegen seine Umwelt arbeitet, sondern mit ihr schwingt –, lässt sich nirgendwo leichter erreichen als im Wirtshaus.
Diese allgemeine Resonanz gilt nicht nur zwischen den Gästen, sondern mit fortschreitendem Abend auch zwischen Gast und Bedienung. Die Bedienung ist die höchste Instanz im Wirtshaus, sie hat alles im Blick, ihr Wort ist Gesetz. Schnell entdeckt man, dass hinter der vermeintlichen Rauheit nichts anderes steckt als die Notwendigkeit, der eigenen Stimme Geltung zu verschaffen. Und je später es wird, umso geschmeidiger verläuft die Kommunikation mit der Bedienung. Deren höchste Stufe ist dann nur ein kurzer Blickwechsel – und schon wird das neue Getränk gebracht.
Herbert Achternbusch, Maler, Filmemacher und einer der eigenwilligsten Geister, die München je hervorgebracht hat, saß sein Leben lang im Weißen Bräuhaus im Tal. Er wartete dort auf Einfälle. Die Bedienungen liebte er aus tiefstem Herzen. Über sie schrieb er: „Immer bin ich baff, wenn ich eine meiner Bedienungen in den Massen im Tal in Zivil entdecke. So wie die Männer in öffentlichen Ämtern aufgeblasen werden, werden die Bedienungen im Dienst schöner, gefaßt von ihrer Uniform in Schwarz und Weiß – stolze Krähen und schäkernde Elstern, und wenden sich im Brei der Gäste.“
Das Wirtshaus formt alle, die in ihm arbeiten und sitzen, zu einer eigentümlichen Gemeinschaft – einer, die keine Erklärung braucht und keine Einladung ausspricht und trotzdem alle aufnimmt, die sich niederlassen. Irgendwann in dieser Gemeinschaft lösen sich die Grenzen zwischen den Tischen auf. Man weiß nicht mehr genau, wann das passiert ist. Irgendwann am Abend aber wird es still in der Stube. Das langsame Verstummen ist dann der konsequente nächste Schritt in der Liturgie des Wirtshauses. Das darf man jedoch nicht als Resignation verstehen. Es ist auch kein völliges Verstummen, gelegentlich wird es unterbrochen von einem geseufzten „Ja mei“, was wiederum nicht als Klage missdeutet werden sollte. Es ist vielmehr die Mitteilung eines allgemeinen Einverstandenseins.
Somit ist es einem Zustand sehr ähnlich, der in der fernöstlichen Zen-Philosophie als eine der höchsten Daseinsformen verstanden wird: dem Nichtanhaften des Bewusstseins an einzelnen Dingen. Mushin – wörtlich: „kein Geist, kein Herz“ – meint einen radikal offenen Zustand. Ein Bewusstsein, das aufnimmt, ohne festzuhalten. Oder wie es bei den Vorsokratikern hieß: panta rhei – alles fließt. Es ist spirituell betrachtet nicht zu weit hergeholt, dass dieser Zustand der sanften, aber nachhaltigen Bejahung immer wieder auch mit dem Paradies in Zusammenhang gebracht wird. Am schönsten natürlich in Ludwig Thomas „Ein Münchner im Himmel“, in der das Jenseits nur allzu folgerichtig gegen eine Mass eingetauscht wird.
Das Wirtshaus formt alle, die in ihm arbeiten und sitzen, zu einer eigentümlichen Gemeinschaft – einer, die keine Erklärung braucht und keine Einladung ausspricht und trotzdem alle aufnimmt, die sich niederlassen. Irgendwann in dieser Gemeinschaft lösen sich die Grenzen zwischen den Tischen auf.
Dem Engel Aloisius erteilt Gott persönlich den Auftrag, eine Nachricht an den bayerischen Kultusminister zu überbringen. Aloisius fliegt ab, aber: „Und einer alten Gewohnheit gemäß führte ihn der Weg hin zum Hofbräuhaus, und er fand seinen Stammplatz wieder, fand den Stammplatz leer, und die Kellnerin, die Kathi, kam auf ihn zu, und er bestellte sich eine Mass, und bestellte sich noch a Mass, und er vergaß seinen Brief und seinen Auftrag, und b'stellt sich no a Mass und no oane, und da sitzt er heit no.“ In Bayern und München leuchtet diese Art des Glaubens unmittelbar ein. Was wäre sonst denkbar? Oder, um es mit Achternbusch zu sagen: „Einen Abend ohne Wirtshaus finde ich gottlos.“