Münchner Galerien

Was wir verpassen – und worauf wir uns freuen können

Zeitgenössische Kunst lebt vom Austausch, Vernissagen in Galerien sind die wichtigen Termine in der Szene. Doch die Krise führte auch hier zu einer Zwangspause, ab Montag, 11.05. dürfen die Münchner Galerien nun wieder öffnen – hier erklären drei von ihnen, wie es nach dem Shutdown weitergeht.

Galerie Deborah Schamoni

Ausstellung: Flaka Haliti, „Watchu expect me to do when I lose my cool“

 

Welche Ausstellung ist bei Ihnen geplatzt?

Eine Show der in München lebenden Künstlerin Flaka Haliti, mit dem Titel „Watchu expect me to do when I lose my cool“. Aber geplatzt stimmt nicht ganz. Die Vernissage war am 12. März. Just an diesem Tag wurde empfohlen, auf Veranstaltungen nach Möglichkeit zu verzichten, weshalb die Vernissage dann nur im kleinen Rahmen stattfand. Bedauerlicherweise konnte die Ausstellung danach kaum jemand sehen.

Worum geht es in der Ausstellung?

Flaka arbeitet über Kontrollverlust. Was passiert, wenn wir sicheres Terrain verlassen? Zwei großformatige Digitalcollagen im oberen Raum mit den Titeln „What to do“ und „Who is going to do“ zeigen zwei sich gegenübersitzende Roboterfiguren. Aber anstatt aktiv zu werden, verharren beide in totaler Passivität, als ob sie warten würden, dass der andere einen ersten Schritt macht.

In vielen der Bilder spielt Flüssigkeit eine große Rolle. Wieso?

Flüssigkeit steht bei Flaka oft für unsichere Verhältnisse. Die Dinge verflüssigen sich, sind nicht mehr greifbar. So gibt es in der Ausstellung unheimliche Meeresbilder, die mit der Liquidität des modernen Lebens und der flüssigen Angst spielen, die wir alle so gut kennen. Es ist wie ein Minenfeld, über das man geht. Jeder weiß, dass eine Explosion zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort stattfinden kann, aber niemand weiß, wann und wo es so weit ist – und ob es zum Guten oder zum Schlechten ist.

Galerie Deborah Schamoni
Mauerkircherstraße 186
www.deborahschamoni.com

 

Galerie Nir Altman

Ausstellung: Susi Gelb: User-defined Landscape

 

Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um?

Ich beginne mal mit dem Positiven: Die kleinen Galerien wie meine haben relativ überschaubare Personalkosten, deshalb ist der Shutdown jetzt keine völlige Katastrophe. Bei mir kommt hinzu, dass ich mit der Galerie gerade nach Obergiesing ziehe. Dort entwickelt sich zurzeit ein kleiner Kunst-Hotspot. Im Augenblick bin ich sehr mit dem Innenausbau beschäftigt, das geht auch gut in der Krise. Bedauerlich ist natürlich, dass die geplante Ausstellung von Susi Gelb verschoben werden muss.

Was ist das für eine Ausstellung?

Susi Gelb ist eine junge Künstlerin aus München, die fantastische Sachen macht. Großes Aufsehen erregte sie damit, dass sie auf dem Odeonsplatz eine ausgewachsene Palme pflanzte. Susi arbeitet an der Schnittstelle von Natur und Technik. Ihre Ausstellung bei uns, die ab Mitte Mai eröffnen wird, hat den Titel: „User-defined landscape“. Susi verwandelt den Galerieraum in eine artifizielle Landschaft mit mystischen, beunruhigenden und sinnlichen Komponenten. Oft geht es um eine Konfrontation: Die organisch-bizarre Form einer Jackfruit wird mit dem Lasercutter präzise in eine Plexiglasscheibe graviert, was in der Abstraktion sehr poetisch wirkt. Eine kleine, witzige Arbeit zitiert die berühmte „Capri-Batterie“ von Joseph Beuys: die Glühbirne, die in einer Zitrone steckt. Hier steckt eine Leuchtdiode in einer frischen Kumquat. Susis Arbeiten stellen stets einen kleinen Kosmos dar. So gießt sie zum Beispiel organische Materialien wie Blätter in Kunstharz ein, die sich dann zum Teil in ihrer Hülle verflüssigen und doch ihre Form behalten.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn es wieder losgeht?

Auf die ganze Münchner Szene. Als ich mich 2016 entschieden habe, meine Heimatstadt Tel Aviv zu verlassen und in Deutschland eine Galerie zu eröffnen, entschied ich mich ganz bewusst für München. Der Kunstbetrieb der Stadt ist nicht so überhitzt wie der Berlins, es gibt weniger Player, aber dafür haben die Sachen hier mehr Bestand, scheint es mir. Seit ein paar Jahren gibt es eine kleine Szene junger Galerien, es gibt gute Vernetzungen mit großen Institutionen und der Akademie. Vor allem gibt es wenig Neid und viel Kollegialität. Und alle kennen sich. Ich freue mich sehr darauf, wieder alle zu sehen.

Galerie Nir Altman
Alpenstraße 12
www.niraltman.com

 

SPERLING

Ausstellung: Malte Zenses, Im Regio 3, totale Verwirrung

 

Wie hat Sie der Shutdown erwischt?

Schon eher kalt. Wir hätten Anfang April die Ausstellung eines jungen Malers aus Berlin gehabt: Malte Zenses. Auf den ersten Blick wirken seine Bilder sehr abstrakt. Oft sieht man nur farbige Flächen oder Schlieren. Dann wieder vereinzelt figürliche Motive: ein aufgeschlagenes Buch oder einen Globus. Man kann aber eigentlich nicht gedanklich begreifen, worum es dabei geht. Die Bilder beruhen auf einer Art Zeichnungs-Tagebuch Maltes, in dem es oft auch um düstere Ereignisse geht. Er entwickelt darin einen abstrakten Code, den man irgendwann ahnt, aber nie ganz durchdringt. Darum geht es aber auch gar nicht. Denn obwohl sie karg scheinen, vermitteln die Arbeiten ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt, wenn man ihnen gegenübersteht. Der Blick richtet sich nach innen, die Bilder sind eine Art Spiegel. Das ist sehr reizvoll.

Wann wird die Ausstellung zu sehen sein?

Viele Kollegen und ich gehen davon aus, dass wir ab Mitte, Ende Mai unsere Galerien wieder langsam öffnen können. Allerdings nicht für den breiten Publikumsverkehr. Vernissagen, bei denen Leute Schulter an Schulter stehen, wird es vermutlich nicht vor 2021 geben. „Soft Opening“ ist so ein Wort, das nun überall kursiert. Das heißt: Die Eröffnung konzentriert sich nicht auf ein paar Stunden, sondern erstreckt sich eher über ein paar Tage, sodass nicht zu viele Besucher gleichzeitig in der Galerie sind. Ich kann dieser Lösung sogar ziemlich viel abgewinnen. Bei klassischen Eröffnungen hat man pro Person oft nur ein paar Minuten für ein Gespräch.

Wie verbringen Sie die Zeit bis dahin?

Zunächst einmal kümmerte ich mich um alles, was liegen geblieben ist in den letzten Monaten und schmiedete Pläne für die Zeit nach Corona. Und wir installierten ein kleines Krisen-Onlineprogramm auf unserer Seite: Jeden Tag zeigen wir ein Bild aus unserem Archiv. Weil ich aktuell ja von überall aus arbeiten kann, bin ich mit meiner Frau in die Holledau gefahren. Ihre Eltern sind Hopfenbauern, und weil es dieses Jahr weniger Saisonarbeiter gibt, helfen wir beim Ausputzen, also beim Hochbinden der jungen Hopfenpflanzen.

SPERLING
Regerplatz 9
www.sperling-munich.com

 

 

Interviews: Phaul-Philipp Hanske; Fotos: Galerie Nir Altman, Galerie Deborah Schamoni, Galerie Sperling

Coronavirus

Ab Pfingsten ist Urlaub in München endlich wieder möglich! Hotels und Pensionen können wieder Gäste empfangen, Museen und Galerien sind eröffnet, Gästeführungen wieder möglich, auch die Gastronomie darf drinnen und draußen wieder Gäste bewirten. Für sämtliche Attraktionen und Leistungsträger gelten strenge Hygieneauflagen. Alle wichtigen Informationen zum Coronavirus und Ihrem Aufenthalt in München finden Sie hier. Bis bald in München!

Wiedersehen in München